Full text: Ober sticht Unter (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/201326 Schwerpunkt
D
ie Arbeitswelt verändert sich. Be-
lege für diese These sind zahlreich: 
Das Strukturwandelbarometer 
2013 zeigt auf, dass eine über-
wiegende Mehrheit der Betriebsräte und 
Betriebsrätinnen eine Zunahme von Fle-
xibilitätsanforderungen und Zeitdruck 
wahrnimmt. Wie aus Zahlen der Statistik 
Austria hervorgeht, nehmen atypische 
 Arbeitsformen, wie Teilzeit – inklusive 
 geringfügiger Beschäftigung – und Be-
fristungen, stark zu. Smartphones und Co 
erleichtern eine neue Form der Flexi- 
bilität und Erreichbarkeit, für die es bisher 
noch kaum spezifische rechtliche Rege-
lungen gibt. 
Die Perspektiven, aus denen diese 
Veränderungen wahrgenommen werden, 
unterscheiden sich zum Teil jedoch er-
heblich voneinander. Einige große Unter-
nehmen sehen sich in einer Vorreiterrolle 
und zeichnen eine neue Arbeitswelt, die 
uns von vielen Problemen – wie Schwie-
rigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf 
und Familie – befreien soll. Feste Arbeits-
plätze, vorgegebene Abläufe, traditionelle 
hierarchische Führung und geregelte 
 Arbeitszeiten erscheinen in dieser neuen 
Arbeitswelt wie Relikte aus alten Zeiten. 
Doch was bringt die „neue Arbeitswelt“, 
und können die neuen Möglichkeiten für 
ArbeitnehmerInnen und Arbeitgebe-
rInnen positiv gestaltet werden? 
Informatikunternehmen als Vorreiter
Vorreiter bei Visionen zur neuen Arbeits-
welt sind seit vielen Jahren große Unter-
nehmen – vornehmlich aus dem Infor-
matikbereich. Vor bereits fast 20 Jahren 
sorgte Desksharing als Idee dieses Sektors 
für großes Aufsehen. Was hat sich seitdem 
getan? 
In Österreich machte zuletzt Micro-
soft mit seinem Konzept des „neuen 
Arbeitens“ von sich reden. Im neuen 
Microsoft-Büro in Wien wird auf aktu-
ellste technologische Ausstattung, freie 
Arbeitsplatzwahl, Vertrauensarbeitszeit, 
zahlreiche durchdesignte Meetingräume 
und eine Rutsche gesetzt. Mit Erfolg, 
denn Microsoft wurde bereits als „Great 
Place to Work“ und „Frauenfreundlichs-
ter Betrieb“ ausgezeichnet. Auch Google 
ist schon mehrfach zum beliebtesten 
 Arbeitgeber gewählt worden: freie Snacks 
und Getränke, farbenfrohe Büros, Tisch-
fußball, Lounge, Spielekonsolen und 
Heimarbeit nach Belieben. Vor einer vor-
schnellen Stilisierung zum Vorbild für die 
zukünftige Arbeitswelt sollte man jedoch 
einige Implikationen dieser Arbeitskon-
zepte kritisch hinterfragen.
My office is where I am! 
Durch neue Kommunikationsmittel wie 
Smartphones verliert die physische Anwe-
senheit zunehmend an Bedeutung, denn 
Arbeit kann immer und überall erledigt 
werden. So beginnt die Arbeit vielfach 
schon vor dem regulären Arbeitsbeginn 
mit der Beantwortung von E-Mails auf der 
Zugfahrt ins Büro oder mit dem Confe-
rence Call am Weg zum Kindergarten. Der 
Arbeitstag endet dann mit dem letzten 
 Abruf der dienstlichen E-Mails im Bett. 
Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit 
verschwimmt dadurch zusehends. Dass 
diese Entwicklung der permanenten Er-
reichbarkeit und zeitlichen Flexibilität zu 
psychischen Belastungen führen und 
schlussendlich auch krank machen kann, 
wird klar, wenn man bedenkt, dass die 
 Regeneration der eigenen Ressourcen da-
bei vielfach zu kurz kommt. Im Gegensatz 
zu den technischen Gadgets lässt sich das 
Gehirn nicht abschalten, sondern macht 
als Arbeitsmittel Wissen und Inhalte 
durchgehend abrufbar. Die neuen Tech-
nologien verstärken diesen Zusammen-
hang, weil sie das Arbeitsmittel Gehirn 
einer permanenten Abrufbarkeit auch 
praktisch zugänglich machen. 
Freie Platzwahl bitte
Ein weiterer Bereich, in dem sich Trends 
in Richtung „neues Arbeiten“ erkennen 
lassen, ist die Arbeitsstättengestaltung. 
 Unternehmen versuchen durch architek-
tonische und funktionelle Maßnahmen 
den Erlebnis-, Wohlfühl- und Kommuni-
kationsfaktor am Arbeitsplatz zu er höhen. 
Dazu gehört auch eine offene Arbeits-
platzgestaltung bzw. in weiterer Folge die 
Abschaffung fester Arbeits plätze. Dem 
Schöne neue Arbeitswelt
Neue Technologien verändern die Arbeitswelt und den Arbeitsplatz. 
Nicht immer zum Vorteil der Beschäftigten.
Charlotte Reiff
Abteilung Sozialpolitik der AK Wien B U C H T I P P
Ulrich Renz:
Die Tyrannei der Arbeit
Wie wir die Herrschaft über 
unser Leben zurückgewinnen
Verlag Ludwig, 2013,  
272 Seiten, € 18,50
ISBN: 978-3-4532-8050-2
Bestellung:
www.besserewelt.at
        

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