Full text: Rund um Europa (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/2014 19Schwerpunkt
stattung mittlerweile entzogen wurde. 
Als Meistbieter musste Diaconescu ein-
geladen werden, den Kaufvertrag zu 
 unterschreiben. Das geschah nicht, sei-
ne Anwälte beriefen sich auf formale 
Fehler. 
Diaconescus schlechte Telenovela
Ministerpräsident Ponta sprach von der 
„Fortsetzung einer schlechten Telenove-
la“. Er und Wirtschaftsminister Daniel 
Chitoiu bezweifelten öffentlich, dass Dia-
conescu die Summe aufbringen könne. 
Sie erklärten den Privatisierungsanlauf 
für gescheitert und riefen die Staatsan-
waltschaft auf, ein Verfahren wegen Be-
trugs einzuleiten. Doch die Justiz blieb 
tatenlos, während Diaconescu vor laufen-
der Kamera seine angebliche Zahlungs-
fähigkeit unter Beweis stellte: Er schlepp-
te Säcke, angeblich voller Geld, zum 
Wirtschaftsministerium. Was tatsächlich 
darin war, ist unklar. Die öffentlichkeits-
wirksame Aktion fand abends nach 
Dienstschluss statt. Beim Ministerium 
war nur noch der Pförtner da. 
Heute steht die Regierung, aber vor 
allem die Belegschaft vor einem Haufen 
Scherben. Die Insolvenz konnte nicht 
mehr vermieden werden. Beinahe die 
Hälfte der Beschäftigten verloren seit-
dem ihre Arbeitsplätze – eine Änderung 
des Arbeitsgesetzbuchs durch die frühere 
wirtschaftsliberale Regierung erlaubt, 
während des Insolvenzverfahrens Stellen 
abzubauen, um Unternehmen „gesund-
zuschrumpfen“. 
Die übrigen MitarbeiterInnen haben 
Angst vor einer endgültigen Schließung. 
Doch auch eine Übernahme des Unter-
nehmens durch ausländische Investoren 
wie PCC ist nicht unbedingt gerne gese-
hen. „Viel zu oft haben nach der Privati-
sierung die neuen Eigentümer nur 
Bruchteile der Fabriken behalten und 
alles andere als Altmetall verkauft“, sagt 
Gewerkschaftschef Cernev. „Der Inve-
stor braucht nicht nur Geld, sondern 
auch einen nachhaltigen Plan, der auch 
umgesetzt wird. Wir hoffen, dass der 
Staat bald eine Lösung findet und wir 
die Arbeit wieder aufnehmen können.“ 
Zeit der Populisten
Mittlerweile wächst erneut der Druck 
vom IWF. Erst vor Kurzem verkündete 
der neue Wirtschaftsminister Andrei 
 Gerea, dass sein Haus an einem neuen 
Restrukturierungsplan arbeitet. Cernev 
befürchtet noch mehr Entlassungen. 
„Wir werden nicht mehr von Bu-
karest regiert, sondern von der EU, vom 
IWF und von dieser Angela Merkel. Die 
wollen nicht, dass wir unsere eigene In-
dustrie haben, sondern nur alles mög-
lichst billig kaufen“, empört sich Ion 
Burcea, der 24 Jahre als Arbeiter bei der 
Chemiefabrik Oltchim beschäftigt war. 
Inzwischen fährt er in Ramnicu Valcea 
Taxi. Der deutschen Kanzlerin nimmt 
Burcea, wie auch viele andere Rumä-
ninnen und Rumänen, die Einmischung 
in die Bukarester Politik und die Unter-
stützung für die drastischen Sparpro-
gramme übel. 
Politische Analysten warnen vor ei-
ner Eskalation und vor der Gefahr po-
pulistischer Diskurse. In der Tat: Taxi-
fahrer Burcea hat vergangenes Jahr die 
Volkspartei PPDD des Fernsehmodera-
tors Diaconescu gewählt – wie knapp 
15 Prozent seiner Landsleute. Die Partei 
wurde so zur drittstärksten Kraft im Par-
lament. Diaconescu ist für viele Rumä-
ninnen und Rumänen der ersehnte Ge-
genspieler zu den beiden großen 
politischen Lagern. Vor wenigen Wo-
chen erklärte der Moderator, dass er sich 
an allen geplanten Privatisierungen be-
teiligen will. „Wir wollen alles kaufen, 
um die Unternehmen vor gierigen aus-
ländischen Investoren zu retten“, beteu-
ert der Moderator. 
„Die spinnen doch alle“
Demnächst ist Diaconescu wieder zu 
 Besuch bei Oltchim, um mit den Mit-
arbeitern vor laufenden Kameras zu 
 sprechen. 
In Ramnicu Valcea ist vielen klar, 
dass es ihm um politisches Kapital geht. 
Vor dem Eingangstor der Chemiefabrik 
stehen vier Geldautomaten. Die Arbei-
terInnen prüfen hier jeden Tag nach 
 ihrer Schicht, ob ihr Gehalt inzwischen 
eingetroffen ist. Ende Oktober waren 
die Julilöhne endlich auf den Konten. 
„Die spinnen doch alle“, schimpft ein 
älterer Arbeiter. 
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Am Geldautomaten vor dem Eingangstor prüfen 
die Mitarbeiter jeden Tag, ob die seit Monaten 
fälligen Löhne endlich ausgezahlt wurden.
        

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