Full text: Rund um Europa (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/2014 23Schwerpunkt
 geflossen, vor allem in den Ausbau 
der Infrastruktur. Havlik ist überzeugt: 
„Ohne EU-Mitgliedschaft wären diese 
Investitionen ausgeblieben. Die Wirt-
schaft hat sich in den Ländern Mittel- 
und Osteuropas dank Europäischer Uni-
on umstrukturiert und modernisiert. 
Heute werden viel mehr elektrotechni-
sche Waren und Maschinen exportiert 
als noch vor zehn, 15 Jahren.“
Viel Hoffnung, viel Illusion
In Ländern wie Ungarn oder Slowenien 
hätten hingegen schwere Fehler in der 
eigenen Wirtschaftspolitik zur Verschär-
fung der Krise beigetragen. Die ungari-
sche Bevölkerung hatte vor dem EU-
Beitritt hohe Erwartungen an die EU-
Mitgliedschaft, wie auch die anderen 
mittel- und osteuropäischen Länder. 
„Nach der Wende in den 1990er-Jahren 
war die EU so etwas wie ein ‚point of 
reference‘, ein Referenzpunkt, der vieles 
zum Guten wendet: besseres Einkom-
men, moderne Wirtschaft und mehr 
 Lebensqualität“, erinnert sich Karoly 
György, Internationaler Sekretär des 
Dachverbands der Ungarischen Gewerk-
schaften MSZOSZ. Heute hingegen 
sind die Staatsschulden gestiegen, aus-
ländische Unternehmen ziehen Ge-
winne ab und im Land grassiert Korrup-
tion. „Dass es nach zehn Jahren EU-
Mitgliedschaft in Ungarn nicht rosig ist, 
hat nichts mit der EU zu tun. Das liegt 
an der eigenen Politik“, ist György über-
zeugt. Die Beschäftigungspolitik in Un-
garn sei zum Beispiel ein seit Langem 
bekanntes, strukturelles Problem. Dass 
die Bevölkerung unzufrieden ist, liegt 
auf der Hand. Wie in anderen jüngeren 
EU-Ländern fehlt es an Kaufkraft und 
Inlandsnachfrage. 
Bei einem durchschnittlichen Ge-
halt in Ungarn von 750 Euro und Prei-
sen auf dem Niveau des EU-Durch-
schnitts kann von Anpassung an den 
westeuropäischen Lebensstandard kei-
ne Rede sein. Konsequenz dieser Ent-
wicklungen: Viele Menschen aus den 
mittel- und osteuropäischen Ländern 
sind von der EU-Integration ent-
täuscht. Sie haben sich mehr erwartet. 
Zu viel, wie Havlik meint. Die Hoff-
nung, in wenigen Jahren nach dem Bei-
tritt so wie in Deutschland oder Schwe-
den zu leben, sei von Beginn an eine 
Illusion gewesen. Seit der Krise ist der 
Aufholprozess der MOEL ins Stocken 
geraten. Bis Ungarn oder Tschechien 
auf dem Niveau von Österreich sind, 
dauere es laut Havlik mindestens zehn 
Jahre, wenn nicht länger. 
Die Zukunft heißt Europa
Europa wächst in unterschiedlichen Ge-
schwindigkeiten. Die wirtschaftlichen, 
politischen und sozialen Situationen der 
EU-Mitgliedsländer unterscheiden sich 
so sehr wie ihr Nutzen von der EU-Mit-
gliedschaft. Ihre Gemeinsamkeit besteht 
zu einem großen Teil in einer hoffnungs-
reichen Europa-Euphorie vor dem EU-
Beitritt. Dass bei der „Rückkehr nach 
Europa“ auch der eigene Rucksack selbst 
getragen werden muss und immer wie-
der unerwartete Hürden am Weg auf-
tauchen, missfällt vielen Ländern. Den-
noch warnen Experten wie Havlik oder 
György vor Rückschritten. Den Weg 
nach Europa weiterzugehen, daran füh-
re nichts vorbei. Gerade in Zeiten, in 
denen extremistische und rechtspopulis-
tische Parteien in verschiedenen europä-
ischen Ländern verstärkt auftreten, 
braucht es laut Havlik die Europäische 
Union, um diese Bewegungen im Zaum 
zu halten. Denn die EU ist mehr als ei-
ne Wirtschaftsgemeinschaft. 
Ein Demokratieprojekt
„Für die mittel- und osteuropäischen 
Länder ist die Europäische Union vor 
allem ein Demokratieprojekt“, betont 
der ungarische Gewerkschafter Karoly 
György. Es gäbe zwar ein Leben außer-
halb von Europa. Dieses wäre aber ein 
Leben geprägt von Isolation, Verarmung 
und noch höherer Arbeitslosigkeit, ist 
György überzeugt. Trotz vieler Probleme 
im eigenen Land steht er der Europäi-
schen Union positiv gegenüber: „Unse-
re Zukunft ist in der Europäischen Ge-
meinschaft, nicht nur wirtschaftlich, 
auch sozial, kulturell und demokratie-
politisch. Ungarn kommt nun zurück, 
wo es eigentlich schon immer war. Hier 
ist unser Platz.“
 
Internet:
Wiener Institut für Internationale 
 Wirtschaftsvergleiche:
www.wiiw.ac.at
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an die Autorin
steindlirene@gmail.com
oder die Redaktion
aw@oegb.at
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Dank Strukturförderungen aus den EU-Förder-
töpfen stehen hochmoderne Fabriken im Land, 
zahlreiche Jobs wurden geschaffen. Ähnlich 
 positiv sind die Entwicklungen in Industrie  
und Gewerbe. Seit dem EU-Beitritt sind das 
 Einkommen der Bauern und die Kaufkraft der 
Bevölkerung um rund 50 Prozent gestiegen.
        

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