Full text: Rund um Europa (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201430 Schwerpunkt
Voll-Gas für Europa?
Die 2011 vor Zyperns Küste entdeckten Gasvorkommen sind bisher so gut wie 
überhaupt nicht von der EU wahrgenommen worden.
D
ie 2007 verabschiedeten gemein-
samen Grundlagen für die EU-
Außenbeziehungen1 gehen von 
der Annahme aus, dass die EU bis 
2030 bis zu 70 Prozent ihres Energiebe-
darfs mithilfe von Importen decken muss. 
Bisher konzentrierte sich der Import von 
Gas oder Öl auf zum Teil politisch insta-
bile Länder oder autoritär geführte Staa-
ten, bei denen die Gefahr von Lieferaus-
fällen und von Anschlägen auf Produkti-
onsanlagen oder Pipelines durchaus real 
sind. 
Die Abhängigkeit von russischem 
Gas wurde während der sogenannten 
Gaskriege Russlands mit der Ukraine im 
Winter 2005/2006 und Weißrussland 
ein Jahr später sehr deutlich. Dies lässt 
die EU nach neuen Energiequellen Aus-
schau halten. 
EU-Energiepolitik
Die Energieimporte setzten sich für das 
Jahr 2010 wie folgt zusammen: Russland 
35 Prozent, Norwegen 27 Prozent, Alge-
rien 14 Prozent, Katar acht Prozent, Li-
byen und Nigeria je drei und zehn Pro-
zent von anderen. Bei den Energieträgern 
steht somit die Kernenergie mit 28 Pro-
zent immer noch an erster Stelle, gefolgt 
von erneuerbaren Energien (20 Prozent) 
und Kohle (20 Prozent) sowie Erdgas 
(19 Prozent). 
Die Herausforderungen für die EU-
Energiepolitik sind die wachsende Ener-
gienachfrage der sogenannten Schwel-
lenländer sowie die Abhängigkeit von 
Energieimporten. Außerdem bestim-
men Klimaschutz, Umweltschutz und 
Wettbewerbsfähigkeit die EU-Energie-
außenpolitik (EAP). 
Global betrachtet könnten die USA 
ab 2015 aufgrund der dortigen Schell-
gasfunde und verbesserter Technologien 
zu einem Exportland für Erdgas werden. 
Gleichzeitig stehen der wachsenden 
Nachfrage aus den Schwellenländern 
neue Gasproduzenten in Ostafrika ge-
genüber. Schon heute beteiligen sich asi-
atische Unternehmen dort mit umfang-
reichen Investitionen. Kanada und 
Australien produzieren ebenfalls Schell-
gas2 in großem Umfang. Der zuneh-
mende Konkurrenzkampf zwischen den 
einzelnen Produzenten dürfte schnell zu 
einem Preisverfall führen.
Konzentration auf den Binnenmarkt
Der EU mangelt es hingegen im Hinblick 
auf ihre EAP nach wie vor an einer koor-
dinierten Herangehensweise. Die bishe-
rigen Reformen konzentrierten sich vor 
allem auf den Energiebinnenmarkt, wäh-
rend Länder wie z.B. Deutschland sich 
immer noch auf nationale Lösungen be-
schränken. Dem soll die 2010 verabschie-
dete Erdgasbinnenmarktrichtlinie3 ent-
gegenwirken, die auf koordinierte Gas-
einkäufe und langfristige Lieferverträge 
abzielt. Um die Transparenz bei bilatera-
len Lieferverträgen zu erhöhen, wurde im 
September 2012 eine neue Strategie zur 
Verbesserung des Informationsaustau-
sches innerhalb der EU eingeführt, die 
vor allem eine Konsultation mit der Kom-
mission vorsieht. 
Die Gasfunde vor Zyperns Küste be-
finden sich in der Nähe der beiden isra-
elischen Gasfelder Leviathan und Ta-
mar, wo zudem Erdöl vermutet wird. 
Für die  Förderung des Gases und dessen 
Verkauf gibt es politische und wirt-
schaftliche Hindernisse. Die größte 
Hürde dürfte das Zypernproblem sein. 
Der Zypernkonflikt
Die Türkei beansprucht einen beträcht-
lichen Teil von Zyperns „Ausschließlicher 
Wirtschaftszone“ (AWZ) und somit auch 
Nutzungsrechte an den dortigen Ressour-
cen und sieht sich als Interessensvermitt-
lerin der international nicht anerkannten 
Türkischen Republik Nordzypern. 
Die Republik Zypern vertritt jedoch 
völkerrechtlich auch diese türkischen 
Zypriotinnen und Zyprioten. Denn of-
fiziell ist auch der Nordteil der Insel im 
Jahr 2008 der EU beigetreten, wobei je-
doch der Acquis communautaire bis zu 
einer Lösung des Zypernproblems im 
Norden ausgesetzt ist. Mögliche Ein-
nahmen aus den Gasfunden stehen also 
beiden Bevölkerungsgruppen zu. Bei 
den Vertragsabschlüssen mit den an der 
zukünftigen Gasförderung beteiligten 
Energieunternehmen waren die tür-
kischen Zypriotinnen und Zyprioten 
jedoch nicht beteiligt. Diese völker-
rechtlich komplizierte Situation mag 
auch ein Grund dafür sein, dass sich die 
Ute Boeros
Freischaffende Mitarbeiterin  
der Friedrich-Ebert-Stiftung, Zypern
1 Berliner Erklärung vom 25. März 2007.
2  Schiefergas, sogenanntes „unkonventionelles“, in Tonsteinen 
 gespeichertes Erdgas.
3  Richtlinie 2009/73/EG über gemeinsame Vorschriften für den Erd-
gasbinnenmarkt (Erdgasbinnenmarktrichtlinie; Bestandteil des 
Dritten Energiebinnenmarktpakets).
        

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