Full text: Rund um Europa (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/20144 Arbeit&Wirtschaft 10 1Historie Fern von Europa F ern von Europa“ ist der Titel einer Schmähschrift von Carl Techet auf meine Tiroler Heimat. 1909 waren die „kurzen Geschichten aus finsteren Breiten“ ein Skandal, der Autor musste aus Tirol fliehen. In meiner Jugend war der kleine Band ein Kultbuch. Unter dem Pseu- donym Sepp Schluiferer attestierte der Leh- rer Teutz meinen Landsleuten tiefste dump- fe Provinzialität und Unverständnis für die große Welt: Europa. Ein Europa großer, mächtiger Kolonialreiche und Monarchien am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Es wa- ren schwere Zeiten damals. Vorarlberger, Tiroler und Schweizer Kinder wurden seit Jahrhunderten als Saisonarbeitskräfte ins Schwabenland verschickt und auf Kinder- märkten verkauft. Überall in Europa zogen Menschen der Arbeit nach. Schon damals zählten Fremdenfeindlichkeit und Natio- nalismus zu den Problemen der Zeit. Mit der billigen Arbeitskraft jener, die man fern von Europa glaubte, ließen sich schon da- mals gute Geschäfte machen. Europa nach zwei Weltkriegen Zwei Weltkriege und so vieles mehr haben Europa verändert. Kein Eiserner Vorhang trennt uns mehr von den Nachbarn, den Balkanländern, den Donaustaaten. Länder wie Rumänien und Bulgarien sind uns nä- her gerückt seit sie EU-Mitglieder sind und haben jetzt endlich vollen Zugang zu un- serem Arbeitsmarkt. Doch sie sind längst da. Nur nicht mehr unsichtbar. Z. B. jene SaisonarbeiterInnen, die ich oft auf den Feldern nahe meinem Elternhaus in der prallen Hitze schuften gesehen habe. Ihre Heimat erscheint vielen „fern von Europa“. Jahrelang hatten sie schlecht bezahlt und unter miesen Arbeitsbedingungen auf den Tiroler Feldern Gemüse geerntet. Mit Hilfe der Arbeiterkammer und des ÖGB kamen sie letztendlich zu ihrem Recht. Jetzt sind sie angekommen in Europa, in dem es auch soziale Gerechtigkeit gibt. Und viele TellerwäscherInnen, Pflegekräfte, Reinigungsfrauen und -männer mit ihnen. Und wieder werden andere die Billig- jobs übernehmen. Diejenigen, denen es wirtschaftlich noch schlechter geht; die, die noch nicht dazugehören. Wie Serbien z. B., das Ende Jänner die Beitrittsverhand- lungen aufgenommen hat oder wie die Türkei, die ebenfalls verhandelt. In ande- ren Ländern wie eben in Bosnien und der Ukraine treiben Arbeitslosigkeit, Korrup- tion und Armut die Menschen auf die Straße. Direkt vor der Nase haben sie das reiche Europa, so nah und doch so fern. Woanders macht man die Schotten dicht – die SchweizerInnen, mittendrin und doch nicht dabei – haben sich für eine Einführung von Zuwanderungsquo- ten entschieden. Reich und neutral im Herzen Europas haben sie sich entschlos- sen, dieser Idee ein wenig ferner zu rücken. Schuld daran sind die von rechter Seite erfolgreich geschürten Ängste vor „Mas- seneinwanderung“ und Lohndumping. Sozialer Frieden Ängste, die auch uns nicht fremd sind und die immer wieder genutzt werden, um ge- gen jene mobil zu machen, die von weit her kommen, auf der Flucht vor Gewalt und Armut, auf der Suche nach Frieden und Hoffnung. Nach wie vor stranden Boote und Schiffe aus Nordafrika in Lam- pedusa und an den spanischen Küsten, wo jüngt auf Flüchtlinge geschossen worden sein soll. Die, die diese Reise aus der Ferne überleben und Asyl bekommen, landen als schlechtestbezahlte Arbeitskräfte auf den Obst- und Gemüseplantagen in Spanien und Italien. In unserem Interview sprach der euro- päische Zeitzeuge Erhard Busek vom erfolgreichen Friedensprojekt Europa, 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Er mahnte auch, dass dieser Frieden nicht selbstverständlich ist, sondern täglich neu gesichert werden muss. Damals wie heute ist sozialer Frieden – und damit Gerech- tigkeit – eines der effizientesten Mittel der Friedenssicherung – mitten in, um und auch fern von Europa. Katharina Klee Chefredakteurin Standpunkt © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm

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