Full text: Rund um Europa (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201440 Wir sind Europa
I
rland ist von der Größe, der Population 
sowie vom gewerkschaftlichen Organi-
sationsgrad her mit Österreich ver-
gleichbar. Das war auch ein Grund, 
mein Praktikum dort zu absolvieren. Es war 
mir vergönnt, einen Monat die irische Han-
delsgewerkschaft Mandate von innen zu 
beobachten. In Dublin angekommen, 
lernte ich schnell die gewerkschaftliche Viel-
falt – in Irland gibt es 52 Fachgewerkschaf-
ten – kennen. Die Zusammenarbeit ist da-
bei nicht immer einfach. Alle irischen Ge-
werkschaften versammeln sich im ICTU 
(Irish Congress of Trade Unions) – dieser 
ist aber nicht wirklich mit unserem ÖGB 
vergleichbar, da er viel kleiner ist. In diesem 
Monat erfuhr ich unter anderem viel über 
die Unterschiede des irischen Arbeitsrechtes 
im Vergleich zum österreichischen. Vor 
allem die „Schlichtungsstellen“ haben einen 
sehr hohen Stellenwert. Die meisten Fälle 
werden von sozialpartnerschaftlich einge-
richteten Stellen behandelt und entschieden 
bzw. geben diese Empfehlungen ab. Nur 
wenige Fälle landen dann in den regulären 
Gerichtsinstanzen.
Kein Kündigungsschutz für Betriebsrat
Größte Verwunderung löste ich aus, als ich 
den Kolleginnen und Kollegen unser Ar-
beitsverfassungsgesetz erklärte. Rechtliche 
Absicherung eines Betriebsrates, Mitwir-
kungsrechte, Kündigungsschutz, Bildungs-
freistellung etc. – im irischen Arbeitsrecht 
ist das alles unbekannt. Ein „Shop Steward“ 
wird in Irland zwar auch von der Beleg-
schaft gewählt, aber das war es schon mit 
den Gemeinsamkeiten. Wenn ein Shop Ste-
ward, ein Betriebsrat, gekündigt wird, kann 
sich dieser nur mithilfe der Beschäftigten 
und der Gewerkschaft durch An drohung 
von Kampfmaßnahmen wehren, rechtli-
chen Schutz gibt es keinen! Die Wirt-
schaftskrise hat zu einem Umdenken in den 
irischen Gewerkschaften geführt. Viele 
staatliche Förderungen, vor allem im Bil-
dungsbereich, wurden gestrichen. Ein 
Großteil der gewerkschaftlichen Bildungs-
maßnahmen wurde bis dahin durch staat-
liche Zuschüsse finanziert. Die Konsequenz 
war, dass eine Bündelung der Ressourcen 
unumgänglich wurde, um den Standard zu 
erhalten. Das Ergebnis war ein erstes ge-
meinsames Bildungsprogramm. Eine neue 
Dimension von Kooperationen war auch 
bei öffentlichen Aktionen sichtbar. De-
monstrationen, Veranstaltungen und 
Kundgebun gen wurden von verschiedenen 
Gruppierungen organisiert. Es entstand ei-
ne Zusammenarbeit, die es ohne die sehr 
schwierige wirtschaftliche Situa tion im 
Land vermutlich nie gegeben hätte. Einen 
der schwersten Rückschläge erlitten die 
Irinnen und Iren bei den Gehaltsverhand-
lungen. In regelmäßigen Abständen (meist 
zwei Jahre) wurde ein „Generalkollektivver-
trag“ abgeschlossen. Arbeitgeber, Staat und 
Gewerkschaft verhandelten dabei über 
Lohn- und Gehaltserhöhungen. Dabei 
wurden allerdings keine Mindest löhne be-
sprochen, sondern ausschließlich eine Ist-
Erhöhung auf alle bestehenden Gehälter 
vereinbart. Das heißt auch, dass ein Wech-
sel eines langjährigen Arbeitsplatzes meist 
mit massiven Einkommensverlusten ver-
bunden ist. Man könnte wieder auf Grund-
lage des staatlichen Mindesteinkommens 
beschäftigt werden. Seit Ausbruch der 
 Finanz- und Wirtschafts krise fanden aller-
dings keine Verhandlungen mehr statt. Als 
Grund dafür wurde vonseiten des Staates 
und der Arbeitgeber die Krise vorgescho-
ben. Stagnation im Einkommensbereich ist 
die Folge. Ein Spaziergang durch Dublin 
zeigt, wie das Land mit der Krise zu kämp-
fen hat. Wo man hinsieht, findet man Bau-
stellen ohne Bau arbeiter. Wann und ob die-
se Baustellen jemals fertiggestellt werden, 
weiß niemand. Schnell fallen auch die un-
zähligen Verkaufsschilder vor den Häusern 
auf. Villen, welche vor zehn Jahren mehre-
re 100.000 Euro wert waren, können heu-
te um ein Zehntel des ursprünglichen 
Preises gekauft werden. Das Problem dabei: 
Niemand kauft sie.
Neue Maßnahmen in neuen Zeiten
Die Zeiten des keltischen Tigers sind ein-
deutig vorbei. Viele Irinnen und Iren schi-
cken ihre Kinder in andere Länder, damit 
sie Arbeit finden. Die Perspektivenlosigkeit 
lässt ihnen keine Wahl. Meine Zeit bei der 
Gewerkschaft Mandate war mit vielen tol-
len Erlebnissen verbunden. Faszinierend ist, 
dass der gewerkschaftliche Organisations-
grad trotz Hindernissen zirka gleich hoch 
ist wie jener in Österreich. Neue Formen 
der Organisierung, wie das amerikanische 
 Organizing, werden derzeit höchst erfolg-
reich in allen Gewerkschaften umgesetzt. 
Neue Zeiten erfordern neue Maßnahmen.
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an den Autor
 michael.huber@gpa-djp.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
Europapraktikum in Irland
SOZAK-Teilnehmer Michael Huber hat sein Europapraktikum bei der irischen 
Gewerkschaft Mandate verbracht.
Michael Huber
Teilnehmer des 60. SOZAK-Lehrgangs
        

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