Full text: Den Stier bei den Hörnern packen (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/2014 31Schwerpunkt
liche Erhöhung der Altersarmut in den 
USA in den kommenden Jahrzehnten 
scheint vorprogrammiert zu sein.
In Polen wurde 1999 das Pensions-
system von Grund auf reformiert: Unter 
dem Einfluss der Chicago Boys und auf-
grund budgetärer Nöte im öffentlichen 
System wurde das Umlagesystem auf ein 
fiktives Beitragssystem umgestellt und 
als zweite Säule ein verpflichtendes Pri-
vatpensionssystem etabliert. Beiträge, 
die bislang in das Umlagesystem flossen, 
wurden nun dem Privatpensionssystem 
zugeführt.
Viel mehr Personen als erwartet stie-
gen auf dieses neue System um, gleich-
zeitig blieben sehr großzügige Frühpen-
sionierungsregeln aufrecht. Die Folge: 
Bereits vor der Krise war das öffentliche 
System hoch defizitär geworden.
In der Krise performten dann die pri-
vaten Pensionsfonds, die in ihren Aktivi-
täten noch dazu nur auf den polnischen 
Kapitalmarkt beschränkt waren, sehr 
schlecht, sodass 2011 eine Re-Reform 
durchgeführt wurde: Es wurde wieder 
ein höherer Anteil der Beitragszahlungen 
dem öffentlichen System zugeführt.
Polnisches Experiment gescheitert
Die derzeitige Regierung stellt das System 
insgesamt in Frage und hat große Teile 
der Pensionsfonds wieder verstaatlicht. 
Insgesamt ist das polnische Experiment 
somit in all seinen Ambitionen geschei-
tert: Die öffentlichen Haushalte wurden 
nicht entlastet, die Pensionssicherheit 
wurde nicht erhöht, im Gegenteil, es 
droht Polen eine erhebliche Altersarmut 
und auch der polnische Kapitalmarkt 
 leidet unter der mangelnden Planungs-
sicherheit des Systems.
In Deutschland wurde die Riester-
Rente Anfang der Nullerjahre als  frei - 
willige Pensionszusatzversicherung ein-
geführt. Sie wird zu mehr als 45 Prozent 
subventioniert, in der Hoffnung, dass 
vor allem Niedrigeinkommensbeziehe-
rInnen so vermehrt für ihr Alter anspa-
ren. Es konnte zwar die Sparquote tat-
sächlich gesteigert werden und der Ver - 
breitungsgrad in den unteren Einkom-
mensschichten ist gestiegen, aber von 
der sehr hohen steuerlichen Förderung 
profitierten vor allem auch die oberen 
Einkommensgruppen.
Riester-Rente kein Erfolgsmodell
Heute zeigt sich: Vermögensverluste wäh-
rend der Krise und die auf Dauer niedri-
ge Zinslandschaft dürften zu massiven 
Enttäuschungen im Alter führen und 
auch die Riester-Rente nicht als Erfolgs-
modell dastehen lassen.
Zudem ist der Markt über Riester-
Produkte unübersichtlich und in seiner 
Komplexität für Menschen mit durch-
schnittlicher finanzieller Kompetenz 
nicht zu durchschauen. Das führt dazu, 
dass unterm Strich suboptimal wenig für 
die Riester-Rente angespart wird und 
gleichzeitig sowohl das Risiko als auch 
die Beitragsbelastung völlig einseitig 
auf die ArbeitnehmerInnen verschoben 
 wurden.
Damit lässt sich die eingangs gestellte 
Frage klar beantworten: Faktum ist, dass 
in allen diesen Systemen der Finanzie-
rungsbedarf von Pensionssystemen aus 
dem öffentlichen Kollektiv in die indivi-
duelle Verantwortung verlagert und da-
mit nicht geringer wird, ja sogar oft 
steigt: Trotz gleich hoher Beiträge wie in 
Umlagesystemen wurde es spätestens in 
der Krise notwendig, entweder bei den 
Beiträgen nachzuschießen oder gerin-
gere Leistungen in Kauf zu nehmen. Da 
die erhofften Markt-Renditen ausblie-
ben, reichen die angesparten Beträge bei 
Weitem nicht aus, um eine anständige 
Alterssicherung zu gewähren: In Polen, 
den USA, aber auch in Deutschland 
droht Altersarmut. 
Wichtig dabei: Die hier (in aller Kür-
ze) dargestellten Entwicklungen hängen 
nicht nur mit der Krise zusammen. Auch 
in Nichtkrisenzeiten gilt – und ist in-
zwischen von mehreren Nobelpreisträ-
gern belegt –: Es gibt niemanden, der bei 
Finanzveranlagungen dauerhaft und sys-
tematisch überdurchschnittlich hohe 
Renditen erzielt. 
Es ist daher wie beim Roulette: Im 
Regelfall gewinnt die Bank, es kann sich 
niemand darauf verlassen, mit Gewin-
nen auszusteigen. Das ist kein System, 
auf dem jemand seine Alterssicherung 
aufbauen sollte!
Internet:
Agnes Streissler: Kapitalgedeckte 
 Pensionssysteme – Niederlande, USA, Polen und 
Deutschland im Vergleich:
tinyurl.com/p78l25o
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Es ist daher wie beim Roulette: Im Regelfall 
 gewinnt die Bank, es kann sich niemand  
darauf verlassen, mit Gewinnen auszusteigen. 
Das ist kein System, auf dem jemand seine 
 Alterssicherung aufbauen sollte!
        

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