Volltext: Das Märchen vom Sparen (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/201410 Interview
meine Belastungen und Steuervorteile 
habe und andere ihre (distributive Ge-
rechtigkeit). Noch wichtiger ist die pro-
zedurale Gerechtigkeit: Verfahren müs-
sen transparent sein, ethisch vertretbar. 
Dann sind die Steuerbehörden Exper-
ten, die mich beraten und mir helfen, 
die Gesetze einzuhalten. Wenn sich je-
mand unter diesen Bedingungen noch 
immer nicht an die Gesetze hält, dann 
sind empfindliche Strafen nötig.
Hat Steuerhinterziehung überhaupt et­
was mit Sparsamkeit zu tun?
Man könnte vermuten, dass diejenigen, 
die ihr Geld mühsam erarbeitet haben, 
sich damit schwerer tun, dem Staat da-
von etwas abzugeben, als jene, die es 
leicht verdient haben. Tatsächlich hat 
sich bei Erhebungen in mehreren Län-
dern herausgestellt, dass leicht verdientes 
Geld, das etwa durch Glück beim Spe-
kulieren verdient wurde, eher hinterzo-
gen wird. Nach dem Motto „Wie gewon-
nen, so zerronnen“ sind Menschen mit 
leicht verdientem Geld deutlich risi-
kofreudiger.
Wie weit ist Sparsamkeit heute über­
haupt noch angesagt?
Die Bereitschaft, Kredite aufzunehmen, 
ist in letzter Zeit gestiegen, es wird weni-
ger gespart. Vielleicht auch weil die Mög-
lichkeiten geringer geworden sind, weil 
mehr Leute ihr gesamtes Einkommen 
zum Leben brauchen. Daher ist es nicht 
verwunderlich, wenn die Sparquote 
sinkt. Aber wir leben heute auch in einer 
hedonistischen Zeit, genießen die Grati-
fikationen des Konsums lieber gleich als 
später. Die Motive fürs Sparen können 
ganz unterschiedlich sein: vorsorgen, auf 
ein bestimmtes Gut hinsparen, Absiche-
rung für die Zukunft oder um Werte wei-
terzugeben. Sparen kann ein Gefühl der 
Autonomie und Sicherheit vermitteln, 
man fühlt sich besser gerüstet für die Zu-
kunft.
Und wie verhält es sich mit dem Schul­
denmachen? Man kann ja heute fast 
alles auf Kredit kaufen.
Auch bei uns wird es immer akzeptabler, 
für Autos, Laptops oder Urlaube Schul-
den zu machen. Uns hat vor allem inte-
ressiert, wie weit die Leute verstehen, was 
mit einem Kredit tatsächlich auf sie zu-
kommt, welche zukünftige Belastung an-
steht. Und da vermute ich, dass das an-
gestrebte Gut sehr blendet. Wer etwa für 
eine Urlaubsreise einen Kredit aufnimmt, 
der muss womöglich selbst dann noch 
Raten abstottern, wenn er schon längst 
wieder zu Hause und der Erholungseffekt 
schon lange vorbei ist. Wenn man sich 
aufgrund eines Kaufes auf Kredit auch in 
Zukunft noch lange einschränken muss, 
dann bekommt man möglicherweise das 
Gefühl, dass man sich nichts mehr leisten 
kann oder zumindest weniger als die 
Nachbarn. Das führt dann unter Um-
ständen dazu, dass der nächste Kredit 
aufgenommen wird. Wer fähig ist, auf 
sofortige Gratifikation zu verzichten, Be-
lohnungen aufzuschieben, also zu sparen, 
der kann dann das Gut tatsächlich genie-
ßen. Aber dieses Aufschieben scheint in 
letzter Zeit immer weniger attraktiv zu 
sein. 
Dann gibt es noch den gegensätzlichen 
Trend, nachhaltig zu leben, Gebrauch­
tes wiederzuverwerten und Ressourcen 
zu sparen.
Ja, auf der einen Seite gibt es diejenigen, 
die alles möglichst sofort haben möchten 
– aus den unterschiedlichsten Gründen:
aus reinem Hedonismus oder weil man 
durch den Erwerb von Konsumgütern 
Anerkennung und Status erlangen möch-
te. Andere wollen beim Shopping Sym-
bole erwerben, die ihr soziales Selbst de-
finieren oder ergänzen. Auf der anderen 
Seite gibt es eine Gruppe, die auf Nach-
haltigkeit setzt. Für sie ist Bescheidenheit 
ein wertvolles Gut, mit dem sie ihre so-
ziale Freiheit gewinnt. Ich denke, dass 
Nachhaltigkeit für junge Leute ein wich-
tiges Thema ist. Wir erzeugen Müll in 
erschreckenden Mengen. Würden wir 
konsequent nachhaltig oder sagen wir 
sparsam leben, also weniger konsumieren 
bzw. wegwerfen, dann könnten wir viel-
leicht unsere Arbeitszeit reduzieren. Die-
se Art von Sparsamkeit wird vielleicht für 
die nächste Generation wichtiger werden 
als für unsere.
Aber gefährdet das nicht das Wirt­
schaftswachstum?
Diese Argumentation habe ich noch 
nie verstanden, die Wirtschaft ist doch 
kein Organismus, der sich freut oder 
 leidet. Ich habe noch nie gehört, dass 
die Wirtschaft blutet oder Kopfweh hat. 
Was soll das heißen, wenn es der Wirt-
schaft gut geht, geht es uns allen gut? 
Solche Slogans sollte man schon hinter-
fragen. Ist für mehr Freizeit und mehr 
Lebensqualität Wirtschaftswachstum 
nötig?
Geld macht also nicht unbedingt glück­
lich?
Trotz des enormen Wirtschaftswachs-
tums seit den 1950er-Jahren ist die allge-
meine Lebenszufriedenheit zum Beispiel 
in den USA nicht gestiegen. Selbstver-
ständlich müssen die Grundbedürfnisse 
erfüllt sein, aber dann gibt es sehr viele 
Variable im Leben eines Menschen, die 
wesentlich wichtiger für seine Zufrieden-
heit sind als Geld. Mit entscheidend ist 
etwa der relative Wohlstand. Wenn der 
Nachbar sich deutlich mehr leisten kann, 
dann ist die Wahrscheinlichkeit für Un-
zufriedenheit relativ groß. Je größer die 
Einkommensunterschiede in einem Staat 
sind, desto unglücklicher ist die Bevölke-
rung. So gesehen wäre es sinnvoll, Steu-
ern hoch progressiv zu gestalten, um die 
Einkommensunterschiede zu nivellieren, 
weil das die Gesellschaft glücklicher 
macht. Laut einer internationalen Studie 
verhält sich die Höhe der Steuerprogres-
sion proportional zum nationalen Glück. 
Steuerpolitik kann also nicht nur beein-
flussen, wie viel Geld der Staat zur Ver-
fügung hat, sondern durch Umverteilung 
auch die Zufriedenheit der Bevölkerung 
beeinflussen.
Wir danken für das Gespräch.
Das Interview führte Astrid Fadler 
für Arbeit&Wirtschaft.
Internet:
Mehr Info zu Erich Kirchler und dem Institut „Ange-
wandte Psychologie: Arbeit, Bildung, Wirtschaft“:
homepage.univie.ac.at/erich.kirchler
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