Full text: Das Märchen vom Sparen (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/201414 Schwerpunkt
D
ie Staatsschulden stiegen in der 
Eurozone zwischen 2008 und 
2013 von 70,1 Prozent auf 95,5 
Prozent des BIP. Umfangreiche 
Budgetkonsolidierungsmaßnahmen der 
Mitgliedsstaaten seien notwendig, um die 
Staatsverschuldung nachhaltig zu redu-
zieren – so lautet angesichts dieses Pro-
blems der langfristigen Tragfähigkeit der 
öffentlichen Haushalte die Vorgabe der 
verantwortlichen EU-Politik. Tatsächlich 
stiegen die Staatsschulden in den letzten 
Jahren jedoch immer weiter an – am 
stärks ten in jenen Ländern, welche die 
schärfste Sparpolitik durchsetzten. Dass 
Konsolidierungsmaßnahmen die Staats-
schuldendynamik verschlimmern, mag 
auf den ersten Blick paradox erscheinen. 
Eine Beschäftigung mit den makroöko-
nomischen Folgen der staatlichen Spar-
anstrengungen, die noch dazu gleichzei-
tig mit dem Schuldenabbau von privaten 
Haushalten und Unternehmen erfolgen, 
erklärt jedoch das Phänomen. Die einge-
schlagene Sparpolitik in der Eurozone ist 
zum Scheitern verurteilt.
Krisenursache Verschuldung?
Immer noch greift die falsche Behaup-
tung um sich, die öffentliche Verschul-
dung sei bereits in den Jahren vor der 
Krise 2008/2009 untragbar hoch gewe-
sen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: 
Die Staatsschulden gingen zwischen 
2004 und 2007 in der Eurozone von 69,7 
Prozent auf 66,4 Prozent zurück. Im sel-
ben Zeitraum fiel die Staatsverschuldung 
im späteren Krisenland Spanien von 46,3 
Prozent auf 36,3 Prozent des BIP. Auch 
in Österreich war die Schuldenquote von 
64,7 Prozent auf 60,2 Prozent rückläu-
fig. In Irland betrug die Staatsschulden-
quote 2007 gerade einmal 24,9 Prozent. 
Die einzigen späteren Krisenländer der 
Eurozone, die tatsächlich bereits vor der 
Krise steigende Staatsschulden verzeich-
neten, sind Portugal und Griechenland. 
Der starke Anstieg der Schuldenquoten 
ab dem Jahr 2008 ist eine Folge der Fi-
nanz- und Wirtschaftskrise: Die hohen 
Kosten der Bankenrettung, der starke 
Rückgang der Steuereinnahmen und der 
wirtschaftliche Einbruch ließen die 
Staatsschulden quer durch die Eurozone, 
aber besonders stark in Krisenländern 
wie Griechenland, Irland oder Spanien, 
sprunghaft ansteigen. 
Die Darstellung der Staatsschulden 
als Krisenursache ist nicht nur falsch, sie 
ignoriert auch die eigentliche Verschul-
dungsproblematik der Vorkrisenjahre – 
nämlich den dramatischen Anstieg der 
Privatverschuldung. Die Verschuldung 
des Privatsektors, bestehend aus pri-
vaten Haushalten und Unternehmen, 
stieg in Spanien beispielsweise zwischen 
2004 und 2007 von 224 Prozent auf 
285 Prozent des BIP an. Auch in Irland 
und Portugal war die Privatverschul-
dung vor der Krise beinahe dreimal so 
hoch wie die Wirtschaftsleistung.
Was sich ab 2008 in weiten Teilen 
der Eurozone abspielte, kann – wenn 
man dem japanischen Ökonomen 
Richard Koo folgt – nur vor dem Hinter-
grund des akuten Problems der Über-
schuldung des Privatsektors in einigen 
Mitgliedsländern verstanden werden. 
Als in Spanien und Irland die Immobili-
enblasen platzten, kam es zu einem dra-
matischen Verfall der Immobilienpreise. 
Koo beschreibt eine solche Situation mit 
dem Konzept der „Bilanzrezession“: Die 
Bilanzen des Privatsektors stehen nach 
dem Platzen einer Vermögensblase auf-
grund der Überschuldung unter Wasser, 
da die Vermögenswerte stark fallen, 
während die Verbindlichkeiten weiter 
bedient werden müssen. Dies führt 
dazu, dass Unternehmen und Haushalte 
angestrengt sparen, um ihre Bilanzen zu 
sanieren. Solange der Schuldenabbau 
andauert, führt dies zu Nachfragerück-
gängen, die sich negativ auf Wachstum 
und Beschäftigung auswirken.
Schuldendeflation und Sparparadoxon
Einsichten in die volkswirtschaftlichen 
Probleme, die durch den Abbau der pri-
vaten Verschuldung in den letzten Jahren 
im Euroraum entstanden, liefert der ame-
rikanische Ökonom Irving Fisher. Dieser 
formulierte bereits 1933, geprägt durch 
die Erfahrungen der Großen Depression, 
Wirtschaftliche Folgen des Sparens
Simultanes Sparen von Staaten, privaten Haushalten  
und Unternehmen  funktioniert nicht: Die Eurozone spart sich ärmer.
Philipp Heimberger 
Student der Volkswirtschaftslehre  
an der WU Wien
B U C H T I P P
Mark Blyth:
Austerity
The History of  
a Dangerous Idea 
Oxford University Press,  
2013, 288 Seiten, € 16,95
ISBN: 978-0-1998-2830-2
Bestellung:
www.besserewelt.at
        

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