Full text: Reich der Vielfalt (5)

Arbeit&Wirtschaft 5/201442 Kurzkrimi
„Herr Schmidt, Sie hatten also 
Kontakt zum verstorbenen Herrn 
Li Zhen in Shanghai?“
Der Gerichtssaal war voll, als Fried-
rich Schmidt wegen mehrfachen 
Mordes angeklagt wurde. Zeugen, Re-
porter, alles drängte sich um den 
Mann, der so viele Menschen in den 
Tod gerissen hatte. Kameras klickten, 
es wurde getuschelt.
„Ja, Herr Richter. Ja, das hatte ich, 
ich gebe es zu. Aber Sie müssen mich 
auch verstehen. Ich werde Ihnen die Ge-
schichte erzählen, die ganze Geschichte. 
Sie müssen wissen, meine Familie hatte 
seit Generationen ein gut gehendes Klei-
dergeschäft in der Fußgängerzone. Mein 
Urgroßvater Jakob kam als armer Schnei-
der nach Wien, eröffnete hier seine Werk-
statt und konnte sich im Lauf der Jahre 
mit seinem Fleiß und seinem Können 
hocharbeiten. Schon bald bestellten die 
noblen Herrschaften bei ihm Anzüge und 
Roben nach Maß. Er konnte rasch erwei-
tern, vergrößern, immer mehr Mitarbei-
ter einstellen. Mein Großvater Ferdinand 
stieg ebenfalls nach einer Schneiderlehre 
in den Familienbetrieb ein, meine Groß-
mutter Julia war Mannequin – ja, das 
nannte man damals noch so. Die beiden 
lernten sich bei einer Modenschau ken-
nen, es war die große Liebe, sie begannen 
eine gemeinsame Zukunft. Meine Groß-
mutter führte weiterhin Kleider vor, 
die mein Großvater entwarf. Auch über 
die Kriegsjahre haben die beiden ihr 
 Geschäft gerettet, ja, ich weiß, was Sie 
fragen wollen – ich kenne die Antwort 
nicht. Es ist jedoch bei dem einen Ge-
schäft geblieben, und ich kann Ihnen 
 sagen, meine Großeltern waren ehrliche 
Leute, auch wenn sie sich nicht gegen 
Hitler zu Wehr gesetzt haben.“
„Erzählen Sie weiter.“
„Ich fing selbst nach meiner Ausbil-
dung im Familienbetrieb an, da war er 
bereits auf einer Talfahrt. Überall gab es 
immer mehr neumodische Ketten mit 
billiger Importware. In den letzten Jah-
ren lief unser Geschäft immer schlechter. 
Unsere Ware war zu teuer, die Kunden 
verlangten „billig, billig“, ich konnte es 
nicht mehr hören. Immer leerer war es im 
Lauf der Zeit zwischen den Kleiderstän-
dern und Regalen, auf denen wir die 
schönsten Röcke, Kleider und Hosen zur 
Schau stellten, jedes Stück einzigartig. 
Mit dem Schönheitsfehler, dass heutzuta-
ge kaum noch Interesse daran besteht.
Als mein Vater die Geschäfte endgül-
tig an mich übergab, wurde das Problem 
zwingend. Mittlerweile hatte ich Familie 
und einen Kredit für die Wohnung abzu-
zahlen. Weil ich nicht zahlen konnte, 
wollten die Lieferanten nicht mehr lie-
fern. Was tut man mit einem leeren Ge-
schäft? Das hat keinen Sinn. Die weni-
gen Kunden fragten nach diesem oder 
jenem, und wir mussten sagen, das füh-
ren wir derzeit nicht. Würden Sie so ein 
Geschäft wieder aufsuchen, wenn Sie so 
eine Antwort öfter bekommen haben? 
Also ich täte es nicht. Außerdem sollte ich 
als neuer Inhaber plötzlich die x-fache 
Miete für den guten Standort zahlen. Ein 
Ding der Unmöglichkeit. Sie verstehen?“
Der Richter nickte.
„Die altbekannte Konkurrenz rund-
herum ging ein, ein Schicksal, das ich 
Kurzkrimi von Anni Bürkl
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Einen Ruf zu verlieren
B U C H T I P P
Anni Bürkl:
Göttinnensturz
Berenike Roithers vierter Fall
Verlag Gmeiner, 2013,  
282 Seiten, € 10,30
ISBN: 978-3-8392-1419-0
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
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