Full text: Reich der Vielfalt (5)

Arbeit&Wirtschaft 5/2014 43Kurzkrimi
uns, meiner Frau, meiner Tochter und 
mir ersparen wollte. Wo hätte ich auch 
sonst zu arbeiten anfangen sollen? Wir 
hatten einen Ruf zu verlieren, unser 
Name war bekannt in der Stadt. Ein 
guter Name, er stand für Qualität. An-
dere Mitbewerber arbeiteten mit unlau-
teren Mitteln. So dachte ich zumindest, 
bis ich mich selbst umhörte, als ich Aus-
wege suchte, suchen musste, um geschäft-
lich zu überleben. Der Bankrott stand 
vor der Tür, ungeachtet dessen wollte der 
Staat immer höhere Steuern und Abga-
ben von uns. Dazu Schmiergelder und 
dergleichen mehr, ein Fass ohne Boden. 
Ich hätte nur noch zusperren können. Ist 
das die Alternative, die Sie möchten?“
„Es geht nicht um das, was ich 
will. Fahren Sie bitte fort, Herr 
 Schmidt.“
„Ich überlegte also, selbst ins China-
Geschäft einzusteigen. Jedoch, Regen-
Traufe-Problem, Sie verstehen?“
Der Richter nickte leicht.
„Mein guter Freund Joschi, Namen 
tun doch hoffentlich nichts zur Sache –“
„Ich muss Sie enttäuschen, 
wir brauchen den Namen, Herr 
 Schmidt.“
Das Publikum raunte.
„Also gut. Da haben Sie den Namen, 
Josef Bosch, genannt Joschi, hatte die 
Connections. Er brachte mich mit Li 
Zhen aus Shanghai zusammen.“
„Er redet wie ein Touristenheini“, 
murrte es im Publikum. Der Richter 
erteilte einen Ordnungsruf.
„Ich unternahm feine Reisen ins Land 
der Morgenröte. Keine Spur von Kom-
munismus, kann ich Sie versichern. Li 
Zhen war ein vollendeter Gastgeber, seine 
Tochter Rose zeigte mir die Stadt. Sie war 
europäisch orientiert, ihr Name wie ihr 
Gehabe. Ich lernte sie näher kennen, 
wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Wieder nickte der Richter. „Verbre-
cher!“, rief jemand unter den Zuschau-
ern. Ein paar standen auf, wollten nach 
vorne stürmen, wurden aber von den 
Ordnern davon abgehalten.
„Ich machte mir in der Folge Hoff-
nungen, auf diese Weise endlich wieder 
ins Geschäft zu kommen, Geld zu verdie-
nen. Li Zhen lieferte wie vereinbart zu 
niedrigen Preisen, die Ware entsprach 
dem, was Konsumenten heute erwarten, 
aber nicht mehr. Wer ist denn noch inte-
ressiert an Handwerk, an ordentlichen 
Nähten oder qualitativ hochwertigen 
Knöpfen? Aber egal. Li Zhens Lieferung 
erfolgte pünktlich und unproblematisch. 
Eine Weile lief alles nach Plan. Mein Ge-
schäft – unter neuem Namen wieder-
eröffnet – war wieder gut besucht, die 
Kassen klingelten, ich konnte mich end-
lich entspannen, mit meiner Frau in die 
Oper gehen, meiner Tochter einen USA-
Urlaub zahlen. Ich schöpfte tatsächlich 
Hoffnung, Herr Richter. 
Doch nach ein paar Monaten fingen 
die Probleme an. Zuerst schleichend, fast 
unmerklich. Trotz meiner Zahlungen 
wurde zum Beispiel zu wenig Ware gelie-
fert oder in anderen als den vereinbarten 
Farben. Als würden die Chinesen uns 
den Ramsch schicken, den sie sonst nicht 
verkaufen konnten. Einmal mussten we-
gen der giftigen Chemikalien in den Tex-
tilien sogar Leute, die bei mir gekauft 
hatten, ins Spital. Das konnte ich nicht 
tolerieren und ich beschwerte mich bei 
Li Zhen. Der jedoch wimmelte mich lä-
chelnd ab. Nichts änderte sich. Schließ-
lich war er gar nicht mehr für mich zu 
sprechen. Ich lud ihn ein, nach Österreich 
zu kommen und sich das Problem per-
sönlich anzusehen. Er ging nicht darauf 
ein. Stattdessen schickte er seine Tochter 
Rose. Und Rose war überall. Ständig. 
Nur weil ich einmal mit ihr geschlafen 
habe, ließ sie mich nicht mehr los. Sie 
verfolgte mich, tauchte in meiner Straße 
auf, drohte, alles meiner Familie zu er-
zählen, sie sagte was von Zeugen. 
Das war zu viel. Ich würde die Pro-
bleme mit Li Zhens Fabrik nicht tolerie-
ren, ich würde nicht noch einmal riskie-
ren, dass mir die Kunden davonliefen, 
dass meine Familie noch einmal in eine 
Krise geriet. Vielleicht steckte die China-
Mafia hinter dem Problem, wie manche 
meiner Freunde munkelten. Ich musste 
etwas tun. Ja, ich habe Li Zhens blöde 
Fabrik angezündet. Ich wollte Ruhe für 
mich und meine Familie und ein Aus-
kommen. Ich kann nichts dafür, dass es 
in der  Fabrik keine Notausgänge gab. Ich 
war nur der Auftraggeber, der Rest war 
Li Zhens Sache. Und die seiner Tochter. 
Zu dumm, dass beide mit den Arbeite-
rinnen starben. So können sie nicht mehr 
als Zeugen aussagen. Aber Sie haben doch 
sämtliche Belege und Verträge, Herr 
Richter.“
Der Richter nickte wieder, das 
 Publikum murrte.
„Eine Frage noch, Herr Richter. Wie 
sind Sie auf meine Spur gekommen? 
Wie sind die Ermittler bei mir gelandet?“
„Ihre Tochter, Herr Schmidt. Ihre 
Tochter Emma kam Ihnen auf die 
Schliche. Sie fand es unverantwort­
lich, wehrlose Menschen einer der­
maßen großen Gefahr auszusetzen, 
wie sie durch das gelegte Feuer 
 entstand. Wussten Sie nicht, dass 
sich Ihre Tochter schon länger für 
die Rechte der Textilarbeiterinnen 
engagiert?“
„Nein. Nein, davon hatte ich keine 
Ahnung, verdammt. Ich habe das doch 
wegen meiner Familie getan! Das kann 
Emma doch nicht machen, mich, ihren 
eigenen Vater, anschwärzen.“
„Sehen Sie“, der Richter lächelte 
fein, „jeder hat so seinen Ruf. Auch 
Väter bei ihren Töchtern. Deshalb 
hat sie wohl nachgebohrt. Danke, 
jetzt haben wir Ihr Geständnis.“
Schmidt nickte. Er musste sich 
 setzen. Es war aus. Aus und vorbei. 
 Alles.
Anni Bürkl ist Journalistin,  
(Krimi-)Autorin und Lektorin.
Ihr jüngstes Buch  
trägt den  Titel „Göttinnensturz“  
und ist Teil einer  Krimireihe  
rund um Teelady Berenike  Roither,  
erschienen im Gmeiner Verlag.
www.annibuerkl.at
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.