Full text: Verteilungsk(r)ampf (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/20148 Interview
Ungleichheit und ungerechte Verteilung 
nehmen weltweit zu. Wird diese Schere 
noch weiter aufgehen?
Jörg Flecker: Die Gefahr besteht. Es gibt 
eine Tendenz zu zunehmender Armut 
und Umverteilung nach oben. Ohne po-
litische Gegenmaßnahmen und gesell-
schaftlichen Widerstand könnte es weiter 
in diese Richtung gehen.
Wo liegen die Gründe für diese Ent-
wicklungen? 
Das liegt zum einen am Finanzmarkt-
kapitalismus seit der Liberalisierung der 
globalen Finanzmärkte. Der Druck, hohe 
Renditen zu erzielen, setzt sich in Kür-
zungen der ArbeitnehmerInnen-Ein-
kommen, der Flexibilisierung der Be-
schäftigung und einem wachsenden 
Niedriglohnbereich fort. Der zweite 
Grund ist die Dominanz neoliberaler 
Vorstellungen. Der Staat hat durch Pri-
vatisierung und Deregulierung Einfluss-
möglichkeiten abgegeben. Vormals öf-
fentliche Dienstleistungen werden privat 
erbracht und dabei Profit angestrebt. 
Hier haben sich die Arbeitsbedingungen 
verschlechtert, die Einkommen sind ge-
sunken. Als dritten Punkt möchte ich das 
nennen, was Colin Crouch als „Postdemo-
kratie“ bezeichnet hat: Die Demokratien 
funktionieren nur der Form nach, aber 
die Entscheidungen sind inhaltlich stark 
von Lobbyisten und Großunternehmen 
beeinflusst. Jene, die private Reichtümer 
haben, bringen ihre Interessen viel stärker 
durch.
Wann müssen bei der Ungleichheit von 
Arbeit und Vermögen die Alarmglocken 
läuten?
Sie läuten schon, aber viele schützen sich 
mit Ohropax dagegen. Eine Studie der 
Europäischen Zentralbank hat vor Kur-
zem gezeigt, dass Österreich zu den eu-
ropäischen Ländern mit der größten Un-
gleichheit bei der Verteilung des Vermö-
gens gehört. Das Bild einer relativ 
gleichen Gesellschaft in Österreich, das 
viele noch im Kopf haben, stimmt also 
absolut nicht. 
Welche Indikatoren für Ungleichheit 
gibt es noch?
Ein weiterer Indikator ist die Lohnquote: 
Seit Mitte der 1970er-Jahre ist sie konti-
nuierlich gesunken – von circa 75 Prozent 
Anteil des ArbeitnehmerInneneinkom-
mens am Volkseinkommen auf unter 65 
Prozent. Die Nettolohnquote ist noch 
stärker gesunken, weil die Steuer- und 
Abgabenbelastungen auf Arbeitneh-
merInneneinkommen höher sind als auf 
Gewinneinkommen. Zudem gibt es rund 
200.000 „Working Poor“ und einen 
wachsenden Niedriglohnbereich – und 
das bei steigenden Lebenshaltungskosten. 
Daran ist deutlich erkennbar, wie sehr die 
Schere auseinandergeht.
Ist es Zeit für eine Kehrtwende?
Ein Grund zur Umkehr wäre zu sagen: 
Man kann in einem reichen Land Armut 
aus moralischen Gründen nicht akzep-
tieren. Auch verlieren bei großer Un-
gleichheit alle – sogar die Reichen. Oder: 
Wir können uns die großen privaten 
Reichtümer und ihr Anwachsen einfach 
nicht mehr leisten, weil dadurch der 
Wirtschaft Nachfrage entzogen wird – 
und das schadet der Konjunktur und 
führt zu Arbeitslosigkeit.
Was ist gefährlicher: die reicher wer-
denden Reichen oder die ärmer werden-
den Armen?
Wir sehen an beiden Enden eine Gefähr-
dung der Demokratie. Kleine Gruppen 
von reichen und damit mächtigen Perso-
nen können politische Entscheidungen 
bestimmen, die somit der demokrati-
schen Willensbildung entzogen werden. 
Das führt zum Verlust des Vertrauens in 
die politischen Institutionen. Die Leute 
sagen dann: Die da oben richten sich’s ja 
eh! Da haben wir bereits ein massives 
„Die Alarmglocken läuten, aber 
viele schützen sich mit Ohropax“
Es ist Zeit für eine Kehrtwende, sagt der Soziologie-Professor Jörg Flecker.
Z U R  P E R S O N
Univ.-Prof. Dr. Jörg Flecker 
Ist seit März 2013 Professor für 
Allgemeine Soziologie am Insti-
tut für Soziologie der Universität 
Wien. Der 1959 in Graz geborene 
Wissenschafter studierte zu-
nächst Handelswissenschaften 
an der Wirtschaftsuniversität 
Wien und gelangte über einen Postgraduate-Lehr-
gang am Institut für Höhere Studien zur Soziologie. 
Zwischen 1991 und 2013 war Flecker Wissenschaft-
licher Leiter der Forschungs- und Beratungsstelle Ar-
beitswelt (FORBA). Seine Schwerpunkte sind der Wan-
del der Beschäftigungssysteme im internationalen 
Vergleich, dynamische Vernetzungen von Organisati-
onen und die Qualität der Arbeit, die Transformation 
öffentlicher Dienstleistungen in europäischen Wohl-
fahrtsstaaten und Arbeit in transnationalen Wert-
schöpfungsketten.
        

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