21Arbeit&Wirtschaft 7/2014 Schwerpunkt
ben würden. Sie haben erreicht, dass 
den Betrieben die Grundausstattung 
mit Zertifikaten in fast allen Produkti-
onssparten kostenlos zugeteilt wird. 
Allerdings ist umstritten, ob „Car-
bon Leakage“ tatsächlich eine Gefahr 
darstellt. Die Gründe für Unterneh-
mensverlagerungen systematisch zu 
identifizieren ist schwierig. Grundsätz-
lich siedeln sich private Unternehmen 
dort an, wo die Profiterwartung am 
höchsten ist. Produktionsunterneh-
men, die umfangreiche Teile ihrer As-
sets in Anlageninvestitionen gebunden 
haben, können freilich nicht rasch auf 
veränderte Profiterwartungen reagie-
ren. Wesentlichste Faktoren für Unter-
nehmensverlagerungen auf der Kosten-
seite sind Arbeitskosten, Energiekosten 
und Steuern. Daneben spielen die phy-
sische Nähe zu Rohstoffen bzw. Vor-
produkten sowie die Nähe zum Absatz-
markt eine Rolle, aber auch die Qualität 
der Infrastruktur, beispielsweise für 
Energie oder Transport. Weiters spielt 
für die Profiterwartung auch ein sta-
biles regulatorisches Umfeld eine wich-
tige Rolle. Alle diese Faktoren sind 
schon seit Langem wirksam und führen 
zu strukturellen Veränderungen im 
Wirtschaftsgefüge in den letzten Jahr-
zehnten: So wächst etwa in Österreich 
der tertiäre Sektor stärker als der primä-
re und teilweise auch als der sekundäre; 
die Produktion verlagert sich von der 
Grundstoffindustrie hin zur weiterver-
arbeitenden Industrie; die wissensba-
sierte Produktion gewinnt an Bedeu-
tung. Die Kostenbelastung durch 
CO2-Zertifikate kommt also zu diesen 
Veränderungen noch dazu.
In den meisten Fällen werden sich 
die Kosten für die Zertifikate wie ein 
Zuschlag auf die Energiekosten auswir-
ken. Je wichtiger Energie als Produkti-
onsfaktor und je höher damit auch die 
Zertifikatskosten für ein Unternehmen 
sind, desto größer ist ihre Bedeutung als 
Standortfaktor. Eine Untersuchung für 
Deutschland hat gezeigt, dass jene Sek-
toren, deren Energiekosten mehr als 
sechs Prozent ihres Umsatzes ausma-
chen, einen Anteil von 1,5 Prozent an 
der gesamten Wertschöpfung haben. 
Bezogen auf die Wertschöpfung des ver-
arbeitenden Gewerbes ist das ein Anteil 
von acht Prozent. Auch wenn ihr Anteil 
also nicht sehr groß ist, wäre eine Ab-
wanderung dieser Unternehmen für die 
Wirtschaft tatsächlich eine Gefahr – 
und das in Zeiten, in denen mit den In-
dustrialisierungszielen der EU wieder 
eine Besinnung auf die Bedeutung der 
Realwirtschaft zu beobachten ist.
Sonderposition
Anders ist die Situation bei den 
Energieversorgern. Während Produkti-
onsunternehmen ihren Standort grund-
sätzlich verlagern können, gilt dies für 
Energieversorger wegen ihrer nötigen Nä-
he zu den EndverbraucherInnen nicht. Sie 
müssen daher nicht vor „Carbon Leakage“ 
geschützt werden. Die Politik hat darauf 
reagiert, seit 2013 werden Energieversor-
gern keine Zertifikate mehr gratis zuge-
teilt. Da diese Unternehmen ihre Zertifi-
katskosten großteils auf die Energiever-
braucherInnen überwälzen können, ist für 
sie der Anreiz, auf erneuerbare Energieträ-
ger umzustellen, recht gering.
Ob im produzierenden Bereich 
„Carbon Leakage“ wirklich stattfindet, 
ist Gegenstand einiger wissenschaft-
licher Untersuchungen. Sie haben alle 
gezeigt, dass bislang kein Unternehmen 
aufgrund der unterschiedlichen CO2-
Preise seinen Standort verlagert hat. 
Eine Schlussfolgerung kann sein, dass 
die Gratiszuteilung der Zertifikate ei-
nen wirksamen Schutz dagegen dar-
stellt. Es kann aber auch sein, dass die 
Gefahr übertrieben wurde. Die Wahr-
heit liegt wohl in der Mitte. Für ener-
gieintensive Produktionsunternehmen, 
die im internationalen Wettbewerb ste-
hen, dürfte bei einem wesentlichen An-
stieg des CO2-Preises – der wohl erst 
deutlich nach 2020 zu erwarten ist – ein 
Schutz vor „Carbon Leakage“ zweck-
mäßig sein, wenn andere Wirtschafts-
räume keine vergleichbaren Maßnah-
men zum Klimaschutz setzen. Dies ist 
einer der Gründe, warum die EU mit 
Nachdruck auf einen internationalen 
Klimaschutzvertrag drängt, der bei der 
Klimakonferenz in Paris 2015 abge-
schlossen werden soll.
 
Internet:
Karsten Neuhoff, William Acworth, Antoine  
Dechezlepr?tre, Oliver Sartor, Misato Sato und 
Anne Schopp: Energie- und Klimapolitik: Euro-
pa ist nicht allein. DIW Wochenbericht 6/2014. 
Berlin 2014
tinyurl.com/lepwlpx
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an den Autor
christoph.streissler@akwien.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
Es ist umstritten, ob die Kosten von CO2-Zertifi-
katen bei den Firmen eine Rolle spielen, wenn 
sie über Standortverlagerungen nachdenken. 
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