26 Arbeit&Wirtschaft 7/2014Schwerpunkt
Mehr privat als Staat im Strom
Auch in Österreich zog auf dem Strommarkt die Privatisierung ein. Eine Übersicht 
über EigentümerInnenstrukturen und die Auswirkungen des Ökostrom-Ausbaus. 
E
nergie ist kein Produkt wie jedes 
andere. Die Energieversorgung 
stellt eine existenzielle Grundlage 
für Menschen und Wirtschaft in 
unserer modernen Gesellschaft dar. Des-
halb ist die Energieversorgung grundsätz-
lich dem gemeinwirtschaftlichen Bereich 
zuzuordnen, bei dem nicht die Interessen 
der EigentümerInnen (Shareholder) im 
Vordergrund stehen sollen, sondern die 
Anliegen aller Betroffenen (Stakeholder): 
KundInnen, ZulieferInnen, Mitarbeite-
rInnen, AnrainerInnen, Betriebe und 
Haushalte einer Region, sonstige Dritte, 
Umwelt und letztlich die Allgemeinheit. 
Energieunternehmen werden den Anlie-
gen der Allgemeinheit dann gerecht, 
wenn sie im öffentlichen Interesse auf 
mögliche Renditen und Dividenden ver-
zichten können. Und wenn sie ihre Un-
ternehmensstrategie primär gegenüber 
der Öffentlichkeit als EigentümerIn ver-
antworten und nicht mit den (berech-
tigten) Rentabilitätsinteressen privater 
Investoren in Einklang bringen müssen.
Österreichischer Nachkriegskonsens
In Österreich einigte sich die Politik da-
her bereits im Jahr 1947 darauf, dass die 
Stromversorgung – de facto auch die 
Gasversorgung – im öffentlichen Eigen-
tum liegen soll. Damals wurde das öf-
fentliche Eigentum am Verbund und 
den neun Landesstromversorgern ver-
fassungsrechtlich abgesichert (2. Ver-
staatlichungsgesetz). Gleichzeitig wurde 
auch die Struktur der österreichischen 
Stromwirtschaft mit dem Gesetz festge-
schrieben: die Verbundgesellschaft mit 
bundesweiten Aufgaben und neun Lan-
desgesellschaften für die Versorgung der 
Bundesländer. Diese Struktur besteht 
im Wesentlichen bis heute.
In den 1980er-Jahren begann in 
den Industriestaaten eine Phase der 
Privatisierung und Liberalisierung des 
Energiesektors. So erfolgte auch in Ös-
terreich die bisher größte Zäsur des 
verfassungsrechtlichen Nachkriegskon-
senses der öffentlichen Stromwirt-
schaft. Der politische Wunsch nach ei-
ner Teilprivatisierung des Verbunds 
wurde zum Anlassfall für die Novelle 
des 2. Verstaatlichungsgesetzes im Jahr 
1987. Seitdem ist nur noch ein Mehr-
heitseigentum an Verbund und Co ver-
fassungsrechtlich verankert: Mindes-
tens 51 Prozent des Verbunds müssen 
im Eigentum des Bundes stehen, bei 
den Landesgesellschaften müssen min-
destens 51 Prozent direkt oder indirekt 
von Gebietskörperschaften gehalten 
werden.
Stromversorger heute
Bereits im Jahr 1988 wurde der Verbund 
im Zuge eines Börsengangs zu 49 Pro-
zent „privatisiert“. Dieser privatisierte 
Anteil befindet sich derzeit im Eigentum 
der EVN und Wien Energie (gemein-
sam 25 Prozent), Tiwag (ca. 5 Prozent) 
und in Streubesitz (ca. 20 Prozent). Von 
den Landes-Energieversorgern stehen 
nur noch die Wien Energie und die Ti-
roler Tiwag zu hundert Prozent im öf-
fentlichen Eigentum. Bei den anderen 
Landes-Energieversorgern wurden Teil-
privatisierungen in mehr oder weniger 
großem Umfang und mit unterschied-
lichen Beteiligungsstrukturen durchge-
führt. Stark ausgeprägt sind dabei Quer-
beteiligungen der Landesversorger un-
tereinander. Das heißt, die sogenannten 
Privatisierungen waren zum Großteil 
lediglich Veräußerungen an andere öf-
fentliche Energieversorger. 
Die größten „echten“ Privatbeteili-
gungen bei Landesversorgern gibt es 
derzeit in Oberösterreich, Niederöster-
reich, in der Steiermark und in 
Kärnten. Bei der oberösterreichischen 
Energie AG hält die Raiffeisenlandes-
bank Oberösterreich rund 14 Prozent 
der Anteile, rund 10 Prozent befinden 
sich in Streubesitz. Bei der niederöster-
reichischen EVN sind 16,5 Prozent in 
privatem Streubesitz, rund ein Drittel 
der Anteile hält der deutsche Energie-
riese EnBW. Dieser befindet sich zwar 
im öffentlichen Eigentum, ist aber 
wohl eher an Renditen als an einem 
„Stakeholder-Value“ der EVN interes-
siert. Ebenso verhält es sich bei der Be-
teiligung (25 Prozent plus eine Aktie) 
des französischen Staatskonzerns EdF 
an der Energie Steiermark. Und auch 
bei der Kärntner Kelag hat sich ein eu-
ropäischer Energieriese eingekauft: die 
mehrheitlich in Privateigentum ste-
hende deutsche RWE, die circa 13 Pro-
zent der Kelag-Anteile direkt hält und 
auch noch mit 49 Prozent an der 
Kärntner Energieholding beteiligt ist, 
die wiederum 51 Prozent der Kelag-
Anteile hält. 
Dass auch der Verbund zu einem 
kleinen Teil (ca. 20 Prozent) in privater 
Hand ist, scheint für den Verbund-
Dominik Pezenka
Abteilung Wirtschaftspolitik der AK Wien
        

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