Full text: Ein Wörtchen mitreden (9)

Die Macht der Ameisen 
E
s ist ein Video, das immer wieder 
durch die sozialen Medien geistert: 
Zu sehen sind Ameisen, die fleißig 
am Werken sind. Auf einmal wird 
eine von ihnen von einer unbekannten 
Kraft angesogen. Es ist ein Ameisenbär, 
der sich sein Futter holen möchte. Die 
anderen Ameisen reagieren sofort, bilden 
gemeinsam eine große Kugel, sodass der 
Ameisenbär sie letztlich alle gehen lassen 
muss. Natürlich, die Arbeitgeber wollen 
ihre Angestellten oder ArbeiterInnen nicht 
gleich aufessen. Die Aussage dahinter 
aber bleibt: Gemeinsam ist man stärker 
als  allein. 
Welche Macht?
Nun ist die Realität natürlich komplizier-
ter. „Mitbestimmung bezeichnet grund-
sätzlich die Mitwirkung und Mitentschei-
dung jener, deren Existenz, Arbeits- und 
Lebensweise durch Entscheidungen ande-
rer beeinflusst werden (können), welche 
aufgrund formaler Rechts- oder Besitzver-
hältnisse dazu befugt sind, aber deren Ent-
scheidungsbefugnisse durch die Mit-
bestimmung der davon Betroffenen ihre 
Begrenzung finden.“ So lautet die Defi-
nition auf Wikipedia. Diese enthält nicht 
nur zentrale Dimensionen von Mitbestim-
mung, sie weist auch auf zentrale Heraus-
forderungen hin. Denn wie viel Macht 
haben ArbeitnehmerInnen in Zeiten von 
Wirtschaftskrise und ständigem Personal-
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Standpunkt
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abbau überhaupt noch? „Das bringt 
nichts.“ „Wir haben ja eh keine Macht.“ 
„Die sitzen sowieso am längeren Ast.“ 
 Solche und ähnliche defätistische Aus-
sagen drücken ebendiese Sorge aus. 
Keine Frage, die schwierige wirt-
schaftliche Lage lässt so manchen Be-
triebsrat mehr zum Abwehrgremium wer-
den, der zudem immer wieder zwischen 
die Fronten gerät. Gerade in dieser Situa-
tion ist die Rolle der Betriebsräte nämlich 
umso wichtiger: Sie sind wichtige Sprach-
rohre der Belegschaft, die oftmals aus 
Sorge um den eigenen Arbeitsplatz lieber 
stillhält, als ihrer Unzufriedenheit Aus-
druck zu geben. Es hilft aber alles nichts: 
Wer möchte, dass sich etwas tut – sei es, 
sich nicht verschlechtert oder vielleicht 
sogar verbessert -, muss den gewählten 
VertreterInnen ehrliche Rückmeldungen 
geben und sie über die Probleme infor-
mieren. Auch wenn es in vielen Betrieben 
dafür immer weniger Spielräume dafür 
gibt, so sollten sich ArbeitnehmerInnen 
ihre Möglichkeit mitzubestimmen kei-
nesfalls nehmen lassen. 
Freiere Zeiteinteilung, arbeiten von 
zu Hause, einfacher Austausch via Intra-
net und soziale Medien, mehr Gestal-
tungsspielräume: So lauten einige der 
Verheißungen der neuen Arbeitswelt. In 
der Tat ist es in vielerlei Hinsicht besser, 
wenn man bei der Gestaltung der eige-
nen Arbeitsabläufe stärker mitbestim-
men kann. Immerhin wissen die meisten 
ArbeitnehmerInnen sehr genau, wo Ver-
besserungen nötig oder möglich wären. 
Wie so oft ist diese neue Entwicklung 
ambivalent: Auf der einen Seite werden 
die MitarbeiterInnen stärker einbezogen. 
Auf der anderen Seite aber sollen sie 
 quasi selbst bisweilen an der eigenen 
 Optimierung herumfeilen, ohne dass sie 
selbst finanziell für diese Leistungen 
 entschädigt werden. So manche Füh-
rungskraft entledigt sich so der eigenen 
Verantwortung. 
An einem Strang ziehen!
Natürlich agieren keineswegs alle Arbeit-
geber so. Letztlich ist es auch in ihrem 
 Interesse, dass die MitarbeiterInnen zu-
frieden sind. Mitbestimmung spielt hier 
eine wesentliche Rolle, wie eine Umfrage 
belegt: Gibt es in einem Unternehmen ei-
nen Betriebsrat, sind die MitarbeiterInnen 
zufriedener – und zwar sowohl mit ihren 
Rechten, mit der sozialen Einstellung des 
Betriebs gegenüber den MitarbeiterInnen 
als auch mit dem Einkommen. Keine 
 Frage, Mitbestimmung braucht auch Mut, 
mal mehr, mal weniger. Doch auch der 
Ameisenbär kann nur dann um sein Essen 
gebracht werden, wenn die Kugel groß 
genug ist. Anders ausgedrückt: Je mehr 
an einem Strang ziehen, desto stärker kön-
nen sie auch mitbestimmen. Und das ist 
allemal besser, als über sich bestimmen zu 
lassen!
        

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