Full text: JubilEUmskater (001)

Arbeit&Wirtschaft 1/201528 Schwerpunkt
EU – Was geht mich das an?!
Von den Anstrengungen und Herausforderungen der Gewerkschaftsarbeit, den 
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern europäische Themen zu vermitteln.
E
s erscheint manchmal als eine kaum 
zu realisierende Aufgabe, den arbei-
tenden Menschen die Europäische 
Union, ihre Politik, ihren Aufbau 
und ihre Verbindung mit Österreich in ob-
jektiver Form näherzubringen. Auch dann, 
wenn die Informationen weit entfernt von 
plumper Propaganda sind und die kritische 
Haltung der österreichischen Gewerkschaf-
ten zur derzeitigen europäischen Politik in 
klarer Form vermittelt wird. Das Interesse 
am Thema Europa ist gerade unter der Ar-
beitnehmerInnenschaft sehr begrenzt bzw. 
die Haltung oft grundsätzlich ablehnend. 
Dies hat natürlich zahlreiche Gründe, die 
individuell sehr oft nachvollziehbar sind.
Abwanderung von Betrieben
Wenn man z. B. von gewissen Vorteilen 
der EU-Mitgliedschaft berichtet, einer der 
Zuhörer allerdings Betriebsrat ist, dessen 
Firma gerade vor dem Absiedeln nach Ru-
mänien steht, dann wird man, auch bei 
sehr sachlicher und objektiver Darstellung 
der Fakten, schnell an argumentative 
Grenzen stoßen. Dieser Wettbewerb um 
den billigsten Produktionsstandort trifft 
Länder mit höheren Lohnkosten sehr oft. 
Die Abwanderung von Betrieben gehört 
auch in Österreich mittlerweile zum All-
tag. Natürlich sind es meistens klassische 
Industrieunternehmen mit einer wenig 
spezialisierten und innovativen Produkti-
on, die aufgrund der Kosten in andere EU-
Staaten, meist in den Osten bzw. Südosten, 
übersiedeln. Den ArbeitnehmerInnen aus 
solchen Betrieben fehlt es oft an höherer 
fachlicher Qualifikation, und es wird da-
durch umso schwieriger, nach dem Verlust 
des Arbeitsplatzes eine neue Anstellung zu 
finden.
Es sind vor allem Menschen mit 
schlechter Ausbildung, die unter dem ge-
rade stattfindenden globalen Verdrän-
gungswettbewerb leiden. Die oft als „Glo-
balisierungsverlierer“ Bezeichneten zählen 
zur Gruppe jener, die gegenüber der Eu-
ropäischen Union die meisten Ressenti-
ments haben. In dieser Bevölkerungs-
gruppe ist die Zahl der EU-Austrittsbe-
fürworter am höchsten, und der Anteil 
jener, die populistische und in Österreich 
insbesondere rechtspopulistische Parteien 
und Bewegungen unterstützen, ist eben-
falls auffallend hoch. Die Menschen seh-
nen sich nach einem geschlossenen und 
national geschützten Markt und stehen 
damit der Marktöffnungs- und Liberali-
sierungspolitik der EU diametral gegen-
über. Diese Entwicklung, die vermehrte 
Skepsis zu allen Entscheidungen, die aus 
Brüssel kommen oder vermeintlich mit 
der EU in Verbindung gebracht werden, 
war und ist in der Gewerkschaftsbewe-
gung stark spürbar. Die Mitglieder des 
ÖGB sind das Spiegelbild der österreichi-
schen ArbeitnehmerInnenschaft und da-
mit verbunden radikalisieren sich die Hal-
tungen gegenüber europapolitischen The-
men zunehmend.
Reagieren im Bildungsbereich
Bisher ist das Thema Europa nicht in ge-
eigneter Form in den Schulen angekom-
men. Noch immer ist Europa kein eigener 
Unterrichtsbestandteil, sondern wird bes-
tenfalls im Geschichts- bzw. Geografieun-
terricht mitbehandelt. Der ÖGB hat die-
sen Mangel schon mehrfach aufgezeigt, 
doch bisher ist es zu keiner entscheidenden 
Verbesserung im Unterricht gekommen. 
Da also die SchülerInnen hier bis jetzt ein 
Wissensdefizit haben, ist es verständlich, 
dass die heutige Generation der Arbeitneh-
merInnen ab 40 überhaupt keine entspre-
chende schulische Vorbildung über Euro-
pa besitzt. Dieses Unwissen führt unwei-
gerlich dazu, dass gewisse Behauptungen 
geglaubt und populistische Argumentati-
onen gerne aufgegriffen werden.
Der ÖGB hat nun vor vier Jahren be-
gonnen, vor allem im Bereich der Funkti-
onärInnenausbildung einen wichtigen 
und positiven Schritt nach vorne zu ma-
chen. Das Bildungsreferat des ÖGB hat 
nach gewissenhafter Vorbereitung, in Ko-
operation mit vielen ExpertInnen, begon-
nen, dem Themenkomplex EU einen ent-
sprechenden Platz in der Ausbildung ein-
zuräumen. Es ist nun eine Selbstverständ-
lichkeit, dass sich die Gewerkschaftsschulen 
in ganz Österreich mehrere Abende mit 
Europa auseinandersetzen. Darüber hin-
aus wurde bewusst viel Geld investiert, 
Marcus Strohmeier
Internationaler Sekretär des ÖGB B U C H T I P P
Lars S. Otto, Ingolf Pernice:
Europa vermitteln  
im Diskurs
Nomos, 124 Seiten, 
1. Auflage, € 32,90
ISBN: 978-3-8329-6057-5
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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