Full text: JubilEUmskater (001)

Soziales Europa längst überfällig
E
s kann doch nicht der Sinn von Eu-
ropa sein, dass Diabetes-Kranke ih-
re Medikamente nicht mehr bekom-
men.“ Es ist inzwischen schon drei 
Jahre her, dass mein Mitbewohner und ich 
in unserem kleinen Pariser Appartement 
kopfschüttelnd eine entsprechende Nach-
richt aus Griechenland kommentierten. 
Dass wir dieses Gespräch überhaupt mit-
einander führen konnten, hat sehr viel mit 
der Europäischen Union zu tun. Immerhin 
habe ich es einem Programm namens Eras-
mus zu verdanken, dass es mich überhaupt 
erst nach Frankreich verschlagen hat. Vor 
drei Jahren verbrachte ich ein paar Monate 
in Paris, um die französische Präsident-
schaftswahl aus der Nähe mitzuverfolgen 
– und landete in ebendiesem kleinen Ap-
partement, in dem erwähntes Gespräch 
stattfand.
Übertönt
Erst kürzlich besuchte mich dieser ehema-
lige Mitbewohner in Wien, und als wir 
über die Wahlen in Griechenland disku-
tierten, fiel uns ebendiese Diskussion wie-
der ein. Es war für uns beide wie ein Schlag 
in die Magengrube, denn bekanntermaßen 
ist die Lage in Griechenland seither noch 
viel schlechter geworden. Seit Ausbruch 
der Krise sind die Schulden in Griechen-
land von 120 Prozent der Wirtschaftsleis-
tung auf 175 Prozent gewachsen. Die Wirt-
schaft ist um ein Viertel zurückgegangen. 
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Standpunkt
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Die Löhne und Einkommen wurden um 
35 bis 40 Prozent gesenkt. Die Arbeitslo-
sigkeit liegt bei 25,8 Prozent, die Jugend-
arbeitslosigkeit bei 50,6 Prozent. Der Min-
destlohn ist um 20 Prozent gesenkt wor-
den. Ein Drittel ist offiziell nicht mehr 
krankenversichert, inoffiziell sollen es 50 
Prozent sein. Die Kindersterblichkeit ist 
um 43 Prozent gestiegen und die Selbst-
mordrate um 45 Prozent. Und das in einem 
Land der Europäischen Union? Eine große 
Überraschung ist dies eigentlich nicht. Al-
lein, die Stimmen der MahnerInnen wur-
den von den VertreterInnen des neolibera-
len Sparkurses lautstark übertönt. 
Die EU: ein Friedensprojekt, das die 
Länder Europas auf eine Art und Weise zu-
sammengebracht hat, die einzigartig in der 
Geschichte der Menschheit ist. So zumin-
dest lauten die Lobeshymnen, die anläss-
lich unterschiedlicher Jahrestage gerne ge-
sungen werden – und dies auch zu Recht. 
Dass Österreich dieser Gemeinschaft im 
Jahr 1992 beigetreten ist, war eine richtige 
Entscheidung. Schon damals aber schienen 
die Bemühungen linker Kräfte für ein sozi-
ales Europa wie ein Kampf gegen Wind-
mühlen. Heute trösten sich viele mit Stra-
tegien, die zukunftsweisende Namen wie 
„Europa 2020 – eine neue Wachstumsstra-
tegie für Europa“ tragen. Kaum jemand 
will sich eingestehen, dass diese kaum mehr 
als die Funktion eines Feigenblatts erfüllen.
Nein, ein solches Europa ist nicht un-
ser Europa, und schon gar nicht soll es das 
Europa der Zukunft sein: Darin sind sich 
mein ehemaliger Mitbewohner und ich 
einiger denn je. Es ist nicht unser Europa, 
wenn es Menschen in die Armut drängt, 
junge Menschen zur Arbeitslosigkeit ver-
dammt und als einzige Zukunftsperspekti-
ve das Sparen anbietet. Stattdessen gehö-
ren wieder positive Perspektiven auf die 
Tagesordnung der EU. Europa muss wie-
der gleiche Chancen für alle anstreben 
und die gerechte Teilhabe der Menschen 
am Reichtum – und nicht die weitere Zu-
spitzung von Ungleichheiten, wie wir sie 
aktuell erleben. Unabdinglich dafür ist 
eine Änderung der aktuellen Wirtschafts-
politik. 
Chancen
Nicht zuletzt darf Bildung in Europa nicht 
wieder zum Privileg werden, sondern muss 
endlich wieder als zentrales Instrument 
erkannt werden, um Chancengleichheit 
zu ermöglichen. Dazu gehört beispielswei-
se auch, dass nicht nur Studierende, wie 
ich sie eine war, sondern auch Lehrlinge 
in den Genuss des europäischen Austau-
sches und der damit verbundenen Chan-
cen kommen. Auf dass auch sie eines Tages 
mit europäischen AltersgenossInnen an 
einem Tisch sitzen und gemeinsam darü-
ber nachdenken, welches Europa das Eu-
ropa der Zukunft sein soll – und sich viel-
leicht sogar dafür einsetzen, dass ihre Vi-
sion zur Realität wird.
        

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