Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201530 Schwerpunkt
G
ibt man den Begriff „Besser leben“ 
in eine Suchmaschine ein, so fin-
den sich unter den Ergebnissen 
vorrangig Wohlfühlpakete von 
Versicherungen, Anzeigen von Wellness-
einrichtungen und Lifestyle-Magazinen. 
Die Thematik des „guten Lebens“ hinge-
gen ist wesentlich komplizierter, ist sie 
doch „ein philosophisches Grundthema, 
mit dem nicht das individuelle Glück, 
sondern die Reflexion über die richtige 
Lebensweise“ gemeint ist, „die sich an 
einem höchsten Ziel orientiert“, wie etwa 
die Wirtschafts- und Sozialwissenschaf-
terin Elisabeth Schmid meint. In diesem 
Zusammenhang ist Aristoteles nicht weit. 
Aristoteles
„Wir haben viele ethisch-moralische Ar-
gumente, Ideen der Gerechtigkeit, Tu-
gend, des rechten Maßes, des guten Le-
bens, des Glücks, die alle Zentralbegriffe 
einer nicht christlichen Philosophie sind, 
nicht zuletzt der Begriff der ‚Ethik‘ 
selbst“, verweist der Philosoph Konrad 
Paul Liessmann auf eine Denktradition, 
die in der Antike, vorwiegend der aristo-
telischen Philosophie, wurzelt. 
Ein gutes Leben, so bestimmte es der 
im 4. Jahrhundert vor Christus gebore-
ne Aristoteles, ist ein aktives, für das der 
Mensch selbst die Verantwortung trägt. 
Sein Handeln orientiert er an einer be-
stimmten Zielhierarchie: Niedere, aber 
dennoch legitime Ziele sind etwa das 
Streben nach Reichtum und Besitz, die 
nur als Mittel zu einem höheren Zweck 
gelten. Ehre, Lust und Vernunft stehen 
darüber, wobei das höchste Ziel, die 
Glückseligkeit (Eudaimonia), ein von 
einem guten Geist beseeltes Leben ist. 
Das oberste Ziel erreicht jener (niemals 
jene), der die ihm eigenen Fähigkeiten 
voll entfaltet. Dazu gehört nicht nur die 
Übung des Geistes, sondern auch die 
Teilnahme am politischen Geschehen. 
Die politische Gemeinschaft wiederum 
zeichnet sich durch ihr gemeinsames In-
teresse an Recht und Gerechtigkeit aus, 
die wesentlich zu einem guten Leben 
gehören. 
Privileg weniger
Diese Lehre war sozusagen ganzheitlich, 
blieb allerdings das Privileg weniger. Die 
angestrebte „vollkommene Gemein-
schaft“ basierte auf strenger Hierarchisie-
rung, die dem freien Mann und Bürger 
mehr Rechte einräumte als Frauen, Kin-
dern, SklavInnen und allen Nicht-Grie-
chInnen. 
Ende des 20. Jahrhunderts verzeich-
neten die einschlägigen Überlegungen 
eine Art Renaissance. In enger Zusam-
menarbeit mit der US-amerikanischen 
Moralphilosophin Martha C. Nuss-
baum entwickelte der indische Ökonom 
und Nobelpreisträger Amartya Sen 
Konzepte zum guten Leben jenseits von 
westlicher Fixierung auf materiellen 
Wohlstand und Wirtschaftswachstum. 
Zwar mündete die philosophische Ko-
operation der beiden zunächst in dem 
(1993) gemeinsam herausgegebenen 
Buch „The Quality of Life“, doch trenn-
ten sich die intellektuellen Wege an-
schließend in zwei Ansätze, die gerne 
verwechselt werden. Schließlich haben 
beide die gleiche sperrige Bezeichnung, 
nämlich „capability approach“ (Befähi-
gungsansatz oder auch Fähigkeiten-An-
satz). Der westlich gebildete Inder Sen 
geht von der Vorstellung eines autono-
men Individuums aus, das seine Chan-
cen wahrnimmt und so ein selbstge-
wähltes, freies Leben verwirklicht. Ein 
(finanzielles) Einkommen ist zwar kein 
hinreichendes, aber notwendiges Mittel, 
um die eigenen Wahlmöglichkeiten zu 
erweitern. Wirtschaftswachstum ist in 
seinem Fähigkeiten-Ansatz nur ein Mit-
tel, um das höhere Ziel, die Erweiterung 
der Freiheit zu erreichen. 
Eigenständige Theorie
Martha Nussbaum entwickelte eine ei-
genständige Theorie, die universelle Aus-
sagen über ein gutes und gerechtes Leben 
ermöglichen soll. „Man fange mit dem 
Menschen an“, heißt es in ihrem Buch 
„Gerechtigkeit oder das gute Leben“, 
„mit den Fähigkeiten und Bedürfnissen, 
die allen jenseits der Schranken von Ge-
schlecht und Klasse, Rasse und Nation 
Besser gut leben als besser
Die Frage nach dem guten Leben beschäftigt den Menschen seit den Anfängen  
der Philosophie. Ein Überblick.
B U C H T I P P
Martha C. Nussbaum: 
„Gerechtigkeit oder  
Das gute Leben“
Gender Studies 
Edition Suhrkamp,  
320 Seiten, 1999, € 16,50
ISBN: 978-3-518-11739-2
Bestellung:
www.arbeit-recht-soziales.at
Gabriele Müller
Freie Journalistin
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.