Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/2015 31Schwerpunkt
gemeinsam sind.“ Sie erstellte eine Art 
Kriterienkatalog auf zwei Ebenen, der 
von der Grundstruktur des Menschen zu 
seinen Grundfähigkeiten führt. So legen 
es unsere kognitiven Fähigkeiten („erste 
Schwelle“) nahe, diese auch zu verwen-
den. Etwa dazu, Sinne und Fantasie zu 
gebrauchen, zu urteilen oder eine ange-
messene Erziehung zu erfahren („zweite 
Schwelle“). 
Unsere Grundstruktur der prakti-
schen Vernunft ermöglicht es uns, eine 
Vorstellung des Guten zu entwickeln 
und kritische Überlegungen zur eigenen 
Lebensplanung anzustellen. Diese bein-
haltet laut Nussbaum die politische Teil-
habe und die berufliche Tätigkeit außer 
Haus. Das stellt die Philosophin Marti-
na Schmidhuber in ihrem Aufsatz „Ist 
Nussbaums Konzeption des guten Le-
bens interkulturell brauchbar?“ infrage: 
„Ist nicht davon auszugehen, dass gutes 
Leben für jeden Menschen anders aus-
sieht?“ Eine Kritik, die für Nussbaum 
nicht neu ist. Sie konstatiert, dass viele 
Benachteiligte sich mit ihrer Situation 
abfinden würden. Deshalb gehe es auch 
darum, den Menschen zu vermitteln, 
was zu einem guten Leben gehört bzw. 
sei es Aufgabe des Staates, die erforderli-
chen Mittel dafür bereitzustellen.
Buen vivir
Auch in den indianischen Traditionen 
Lateinamerikas gibt es Konzepte des gu-
ten Lebens, die in der aktuellen Ausein-
andersetzung mit den Folgen von Neo-
kolonialismus und Neoliberalismus neu 
aufgegriffen wurden. 2008 wurde der in-
digene Begriff „sumak kawsay“ (Leben in 
Fülle) als Staatsziel in der ecuadoriani-
schen Verfassung verankert. 2009 fand 
das „suma qama?a“ (gut leben) Eingang 
in die Magna Carta von Bolivien. Indi-
gene Intellektuelle verweisen darauf, dass 
ihre Weltanschauung zunächst eine Le-
benspraxis ist, ein Konzept, das ständig 
an neue Lebenszusammenhänge ange-
passt wird. 
Das gute Leben, so Fernando Hua-
nacuni, Philosoph der bolivianischen 
Aymara, definiere sich durch das Wissen 
um ein Leben in Harmonie im Gleich-
klang mit der Natur, wo alles mit allem 
verbunden und alles Teil des Ganzen ist. 
Trotz einiger Kritik – schließlich sind 
die Bodenschätze der beiden südameri-
kanischen Staaten wichtige Devisen-
bringer – gilt die Hinwendung zu in-
digener Kosmovision vielen doch als 
 radikale Alternative zum herrschenden 
Verständnis von Entwicklung und als 
Antwort auf die Krise des Westens mit 
seinem Glauben an Wachstum und 
Fortschritt. 
Gutes Leben für alle
„Als politischen Slogan finden wir das ‚gu-
te Leben‘ bei so unterschiedlichen Grup-
pen wie Attac, der Grünen Bildungswerk-
statt, der IG Metall oder feministischen 
Gruppen“, schreibt der Ökonom Andreas 
Novy in seinem Aufsatz „Ein gutes Leben 
für alle – ein europäisches Entwicklungs-
modell“. Des Weiteren: „Ist er bloß Mode 
oder eröffnet dieses Konzept Raum für 
eine Suchbewegung, die nicht nur Alter-
nativen zum Neoliberalismus, sondern 
langfristig den Weg in eine andere Gesell-
schaft weist?“ Die Idee, so beantwortet er 
die Frage selbst, „kann handlungsanlei-
tend für ein europäisches Wohlfahrtsmo-
dell im 21. Jahrhundert sein, wenn es um 
eine ökologisch sensible Transformation 
des europäischen Wohlfahrtskapitalismus 
geht“. 
Unbeeindruckter Mainstream
Die Bewegung der Weltsozialforen, die 
2001 in Brasilien ihren Ausgang nahm, 
hat sich zur größten globalen zivilgesell-
schaftlichen Initiative für ein gutes Leben 
für alle entwickelt. Mit dem Slogan „Wir 
wollen nicht besser leben, wir wollen gut 
leben“ wurde beim Treffen in Belém 2009 
der Ideologie des Wachstums erneut eine 
Absage erteilt. 
„Seit Jahren gibt es eine blühende 
Avantgarde, die Wirtschaft und Gesell-
schaft neu denkt und lebt“, heißt es auf 
der Website des Kongresses 2015 und 
der Dialogreihe „Gutes Leben für alle“. 
Trotz Klimawandel und besorgniserre-
genden Sozialberichten blieben der poli-
tische und gesellschaftliche Mainstream 
davon weitgehend unbeeindruckt. „Es 
geht um die Politisierung der Frage nach 
dem gelungenen Leben und seinen Vo-
raussetzungen.“
 
Internet: 
Dialogreihe „Gutes Leben für alle“:
www.guteslebenfueralle.org
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an die Autorin
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Ein gutes Leben laut Aristoteles ist ein aktives, 
für das der Mensch selbst die Verantwortung trägt.
        

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