Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/2015 35Schwerpunkt Shitstorm aufkommt“, heißt es in einem Werbetext der Firma. Im „Online Reputation Manage- ment“-Paket von mhoch3 enthaltene Dienstleistungen sind unter anderem „aktives und reaktives Agieren“, „geziel- tes Auslösen von Kommunikation“ und die „Ansprache von Multiplikatoren“. Neben Konzernen und Banken haben auch Parteien dieses Angebot genutzt. Vor allem die ÖVP Wien war eine gute Kundin der Agentur, wie die Jour- nalistInnen Stefan Apfl und Sarah Klei- ner im November 2014 im Magazin „Datum“ aufdeckten. Hier schließt sich der Kreis zu „Marienhof“. Denn ähnlich wie in der Fernsehserie versuchte mhoch3 über Beiträge in sozialen Medi- en und Onlinekanälen politische Mei- nungen zu gestalten und zu beeinflus- sen. So wurde beispielsweise der ehema- lige Wissenschaftsminister Johannes Hahn in gefälschten Postings vor protes- tierenden Studierenden in Schutz ge- nommen und den Studierendenprotes- ten so die Legitimation entzogen. Planmäßige Täuschung Der PR-Ethikrat, ein freiwilliges Selbst- regulierungsorgan der österreichischen PR-Branche, hat im September einen Be- richt über die Aktivitäten von mhoch3 vorgelegt und die Firma sowie sieben ih- rer KundInnen öffentlich „wegen plan- mäßiger Täuschung von Userinnen und Usern in großem Stil“ gerügt. Die Ver- wendung von falschen Identitäten zu Zwecken der PR auf Onlineforen hält der Ethikrat für „ethisch nicht vertretbar“. Ein anderes Medium, das sich die Agen- tur zunutze machte, sind Blogs – und auch hier wurden unlautere Mittel ein- gesetzt. Denn anders als bei den Blogge- rInnen handelt es sich auch nicht – wie von mhoch3 argumentiert – um „Online- JournalistInnen“. Vielmehr wurden die Beiträge von bezahlten Auftragneh- merInnen der Agentur erstellt. Diese ste- hen „damit in einem Abhängigkeitsver- hältnis zu mhoch3 (und in weiterer Fol- ge zu den Kunden der Agentur)“, wie der Ethikrat festhielt. Für die Auftragneh- merInnen war dieses Abhängigkeitsver- hältnis ein prekäres, wie Brigitte Mühl- bauer vom PR-Ethikrat erzählt: „Diese MitarbeiterInnen waren freie Dienstneh- merInnen. Eine einzelne Mitarbeiterin hat rund 40 verschiedene Online-Iden- titäten gehabt. Die sind pro Posting be- zahlt worden.“ Für solche schwindligen Methoden gibt es durchaus wirtschaftliche Grün- de, wie Mühlbauer erläutert: „Alle Un- ternehmen stehen unter dem Druck, möglichst große Wirkung mit möglichst wenig Geld zu erzielen. Bei vielen Un- ternehmen sind die Werbebudgets dras- tisch gekürzt worden. Dadurch werden neue, günstigere Werbeformen wie etwa Blogs interessant. Diese Digitalkommu- nikation wird von vielen als rechtsfreier Raum wahrgenommen. Da gibt es oft kein Unrechtsbewusstsein.“ Von Prakti- ken wie denen von mhoch3 oder beim „Marienhof“ hält sie nichts. „Durch so etwas wird das Vertrauen in die Medien zunehmend ausgehöhlt. Und wenn so etwas wie beim ‚Marienhof‘ oder mhoch3 passiert, reagiert die Öffent- lichkeit immer negativ. Es bringt also nichts für die Werbung.“ Man könnte hinzufügen, es bringt auch nichts bei der Meinungsbildung. Denn auch die Verbreitung gefälschter politischer Meinungen schlägt letztend- lich auf die Verursacherin zurück. Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen be- deutete der „Marienhof“-Skandal einen Vertrauensverlust. Nie kritisch genug Menschen lassen sich nicht gerne mani- pulieren, schon gar nicht von hinten he- rum. Das sollten auch Parteien und Lob- bygruppen wissen, die sich durch solche Methoden einen politischen Marktge- winn versprechen. Andererseits können solche Methoden nur funktionieren, weil es Menschen gibt, die bereit sind, diese umzusetzen. Das hat auch etwas mit den bei Agenturen wie mhoch3 vorherrschen- den und von Lobbygruppen wie der INSM geforderten prekären Arbeitsbe- dingungen zu tun. Und die Moral der Geschichte für KonsumentInnen? Man kann nie kritisch genug sein, wenn es da- rum geht, was ein gutes Leben ausmacht – oder eben nicht. Internet: Zehn Jahre „Marienhof“-Skandal: Neoliberalismus in deutschen Fernsehserien www.nachdenkseiten.de/?p=27588 Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor christian@bunke.info oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l Neoliberale nutzen viele Kanäle, um ihre Ideologie voranzutreiben.

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