Full text: Das gute Leben (10)

Die Utopie denken!
E
s mag frivol erscheinen, angesichts 
von hoher Arbeitslosigkeit vor allem 
bei Jugendlichen, steigender Preka-
risierung, Sparzwang und damit ver-
bundenen Einschnitten ins Sozialsystem 
oder gar angesichts von Kriegen und da-
durch ausgelösten Flüchtlingsbewegungen 
über das „gute Leben“ zu philosophieren. 
Man mag sich auch fragen, wie gerade die 
Gewerkschaft auf eine solche Idee kom-
men kann, wo viele Menschen hierzulan-
de darum kämpfen, ein halbwegs würde-
volles Leben zu führen, weshalb das Stich-
wort „gutes Leben“ für sie wie eine Utopie 
erscheinen mag, deren Erfüllung anderen 
vorbehalten ist.  
An der Wurzel packen
Die Gewerkschaftsbewegung hat sich in 
der Geschichte aber nicht nur dafür ver-
antwortlich gefühlt, sich für die Verbesse-
rung der konkreten Situation der Men-
schen einzusetzen. Immer schon war es 
auch das Ziel, die Probleme an der Wurzel 
zu packen und nicht nur Symptome, son-
dern auch deren Ursachen zu bekämpfen. 
Dazu gehört auch, sich Gedanken über 
Alternativen zu machen. 
Die Symptome sind vielfältig: Es ist 
sowohl das für viele schlechte Leben in 
der Arbeit, das für viele schlechte Leben 
zu Hause (hohe Lebenshaltungskosten 
bei geringen Löhnen und Einkommen) 
oder das für viele schlechte Leben in der 
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Standpunkt
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Gesellschaft (Schulsystem, ungerechte 
Aufteilung von Haus- und Erwerbsarbeit, 
Diskriminierungen am Arbeitsplatz ...). 
Vorstellungen vom guten Leben wie-
derum gibt es viele, eine davon ist etwa, 
sich etwas leisten zu können. Wer all das 
haben will, muss sich anstrengen, lautet 
das Mantra. Umgekehrt lautet eine ver-
breitete Meinung: Wer sich etwas nicht 
leisten kann, leistet auch nicht genug. 
Aber nicht alle, die heute viel leisten, wer-
den dafür auch entsprechend bezahlt. 
Umgekehrt haben nicht alle, die viel ha-
ben, dafür auch viel geleistet. Schon gar 
nicht leisten alle, die viel haben, den glei-
chen Beitrag zur Finanzierung des öster-
reichischen Staatshaushalts und damit zu 
einer gerechten Verteilung des gesell-
schaftlich erwirtschafteten Wohlstands – 
Stichwort Vermögenssteuern, die weiter-
hin auf sich warten lassen. 
Aber ist das vielbeschworene Wirt-
schaftswachstum wirklich der einzige 
Maßstab für ein gutes Leben für alle 
oder gar Voraussetzung dafür? Schon seit 
vielen Jahren beschäftigen sich Forsche-
rInnen, PolitikerInnen und AktivistIn-
nen mit den „Grenzen des Wachstums“, 
denn es ist schon lange absehbar, dass die 
Bodenschätze zur Neige gehen werden. 
Und doch basiert die Weltwirtschaft wei-
terhin weitgehend auf der Ausbeutung 
dieser Ressourcen. 
Ein gutes Leben kann viele andere 
Dimensionen haben, die über materiellen 
Wohlstand hinausgehen. Eine Dimensi-
on ist etwa die Zeit, über die Menschen 
frei verfügen können. Es kann bedeuten, 
entspannt Zeit mit der Familie oder 
FreundInnen zu verbringen, mit einem 
guten Buch oder schöner Musik, in Aus-
stellungen, im Kino, Theater oder in der 
Natur. Es kann gutes Essen oder erholsa-
me Urlaube an schönen Orten bedeuten. 
Oder es kann bedeuten, dass man mitbe-
stimmen kann, wann, wo und wie lange 
man arbeitet. 
Verteilungsproblem
Heute können nur manche Menschen frei 
darüber entscheiden, welche dieser Mög-
lichkeiten sie in Anspruch nehmen wollen 
– oder vielleicht auch nicht. Hinter dieser 
Ungleichheit steckt vor allem ein Vertei-
lungsproblem. Dagegen wiederum wen-
den manche ein: Man könne nicht allen 
die gleichen Konsummöglichkeiten geben, 
Stichwort zur Neige gehende Rohstoffe. 
Doch wer sagt denn eigentlich, dass Men-
schen der Sinn nur nach Konsum steht, 
wenn sie mehr Zeit und Geld haben? Eins 
ist klar: Die Gesellschaft wird über all das 
reden müssen, wenn sie nicht auf dem Rü-
cken anderer – ob in Gegenwart oder Zu-
kunft – weiterwirtschaften möchte. Ich 
hoffe, dass wir mit dem Heft dafür einen 
kleinen Anstoß geben können, und wün-
sche gute Lektüre sowie einen guten 
Rutsch ins neue Jahr.
        

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