Full text: Das gute Leben (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201540 Schwerpunkt „Das Arbeitsleben hat sich ebenso sehr verändert!“ Auf der Suche nach dem „guten Leben“ in erzählten Lebensgeschichten. A ngesichts jahrzehntelanger neoli- beraler Hegemonie, gekennzeichnet durch die eklatante Zunahme von Einkommensunterschieden, sozi- aler Unsicherheit und gesellschaftlicher Krisen, stellt sich die Frage nach „gutem Leben“ neu. Wie spiegelt sich „gutes“ oder „besseres Leben“ eigentlich in den Erinnerungen von ArbeitnehmerInnen wider? Werden Veränderungen in den ökonomischen und politischen Rahmen- bedingungen autobiografisch reflektiert und wenn ja, wie? Individuelles Erleben Für das Buch „Arbeit ist das halbe Leben“ wurden ArbeitnehmerInnen gebeten, über den von ihnen subjektiv erlebten Wandel der Arbeitswelt seit 1945 zu er- zählen. In diesen Erinnerungstexten er- zählen ArbeiterInnen und Angestellte, Beschäftigte in Dienstleistungs- und Pfle- geberufen und LehrerInnen über ihre Berufslaufbahn. Der Zeitraum der Erzäh- lungen erstreckt sich vom Beginn der Lehrzeit über den Beruf bis hin zum Pen- sionsantritt. Es stehen nicht allein Fakten im Vordergrund, sondern vor allem das individuelle und persönliche Erleben, al- so auch jener Handlungsspielraum, in dem Hoffnungen/Enttäuschungen, Er- folge/Frustrationen, Glücksmomente/ Ängste, Gerechtigkeit/Ungerechtigkeit, aber oft auch der Zufall einen breiten Raum einnehmen. Die lebensgeschicht- lichen Aufzeichnungen zeigen deutlich, dass die Art der beruflichen Tätigkeit und der damit einhergehende Rhythmus ne- ben familiären, sozialen und ökonomi- schen Rahmenbedingungen die Lebens- realität und die Lebensqualität nachhaltig bestimmen: Arbeitsbeginn, Arbeitszeit, Arbeitsumfeld, Arbeitsgestaltung, Ar- beitsende und Arbeitswege sind dabei ebenso entscheidende Faktoren. Dabei wird auch immer direkt oder indirekt auf die durch die Gewerkschaften erkämpf- ten sozialpolitischen Erfolge hingewie- sen, die in der retrospektiven Lebensbe- trachtung eine deutliche Veränderung im Arbeits- und Alltagsleben der Erzählen- den bewirkten. Konnte noch für die 1950er-Jahre festgestellt werden, dass die Arbeitsein- kommen „in diesen Jahren noch in ho- hem Maße für die Deckung der elemen- tarsten Lebensbedürfnisse“ aufgingen, so schrieb ein Handelsangestellter über die beginnenden 1960er-Jahre: „Die Verhältnisse hatten sich geändert, die ökonomischen Bedingungen waren an- dere geworden. Urlaubsreisen, meist nach Italien, lösten die sogenannte Sommerfrische ab. Mehr Menschen – das zeigte sich am Abend bei den tägli- chen Kassenkontrollen – gaben für Le- bensmittel mehr Geld aus.“ Der damit verbundene Aufschwung schlug sich in der Lebensrealität des jungen Angestell- ten nieder: „Auch ich konnte mir mein erstes Moped, ein aus dem Fuhrpark der Firma ausgeschiedenes kaminrotes Mo- ped der Marke Puch leisten.“ Allerdings war damals das Zeitbudget durch länge- re Arbeitszeiten und noch gering ausge- baute Infrastruktur beschränkt: „Natür- lich hatte sich auch meine Freizeit so ziemlich eingeengt, waren doch die Öff- nungszeiten der Geschäfte und die Wo- chenarbeitszeiten in den 1960er-Jahre andere, als wir sie aus der Gegenwart kennen. Noch dazu waren die öffentli- chen Verkehrsmittel nicht so ausgebaut, und man musste oft, wie es so schön heißt, ‚mit der Kirche ums Kreuz‘ fah- ren.“ Dieser Rückblick in die Sechziger relativiert jenes oft nur auf Beatles, Stu- dentenrevolte und Minirock reduzierte Bild der 1960er-Jahre. Zentrales Thema Arbeitszeit Die Arbeitszeit bzw. ihre Veränderungen nehmen in den Lebenserinnerungen von ArbeitnehmerInnen einen zentralen Stel- lenwert ein. Arbeiteten die Menschen in der Anfangszeit der Zweiten Republik oft mehr als 48 Stunden pro Woche, so konn- te die Arbeitszeit im Februar 1959 auf 45 Stunden gesenkt werden. Durch den vom ÖGB erkämpften und 1970 vereinbarten Generalkollektivvertrag wurde sie etap- penweise auf 40 Stunden reduziert. Spä- Klaus-Dieter Mulley Institut für Geschichte der Gewerkschaften und AK B U C H T I P P Sabine Lichtenberger, Günter Müller (Hrsg.): Arbeit ist das halbe Leben … Erzählungen vom Wandel der Arbeitswelten seit 1945 Verlag Böhlau, 320 Seiten, 2012, € 24,90 ISBN: 978-3-205-78703-7 Bestellung: www.arbeit-recht-soziales.at

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.