Full text: Das gute Leben (10)

E s gab wohl kaum eine Zeit, in der so viel über das gute, das glückliche Leben geredet und geschrieben wurde wie heute. Es gibt Ratgeber und Rezepte für alles und jedes – für eine gute Erziehung, eine geglückte Partner- schaft, die optimale Ernährung usw. Trotz dieser vielen Rezepte klappt das mit dem „guten Leben“ nicht so recht. Obwohl es mehr Wissen über indivi- duelles Lebensglück gibt als je zuvor, leiden auch mehr Menschen als je zuvor unter Zukunfts- und Existenzängsten. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass die meisten dieser „Glücksratgeber“ am Individuum ansetzen und der Blick auf die gesellschaftliche und materielle Basis fehlt. Mich interessiert aber vor al- lem dieser Blick. Frei von Angst Ein Leben, das möglichst frei von Angst ist und in dem ich mich durch sinnvolle Tätigkeit verwirklichen kann, ist wohl die wichtigste Basis für ein gutes Leben. Angst muss man dann nicht haben, wenn Frieden herrscht und es keinen Terror gibt. Angst muss man dann nicht haben, wenn man selbst und die Menschen, die man liebt, darauf vertrauen können, dass man das Leben nach seinen Vor- stellungen gestalten kann. Angst muss man dann nicht haben, wenn man darauf vertrauen darf, dass auch die Kinder und Enkelkinder in einer lebens- werten Welt leben werden. Solidarisches Handeln In Österreich gilt das immer noch für sehr viele Menschen. Dazu trägt auch un- ser moderner Sozialstaat bei. Dennoch macht sich auch bei uns – und das nicht nur bei den ärmsten und in prekären Ver- hältnissen Lebenden – eine massive Le- bensangst breit. Eine Wurzel dieser Le- bensangst war und ist die Finanz- und Wirtschaftskrise, die sich zunehmend zu einer politischen Systemkrise auswächst. Dazu kommt, dass so viele Menschen wie schon lange nicht mehr vor Krieg und Verfolgung und auch vor den Folgen des Klimawandels flüchten. Der Anspruch auf ein gutes Leben muss auch für die Menschen, für die Not und Angst ständige Lebensbegleiter sind, gelten. Die Bedürfnisse und Sehnsüchte nach einem guten Leben stellen heute auch einen der wichtigsten Rohstoffe zur weiteren Profitvermehrung dar. Ge- rade die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten, in unser Privatleben ein- zudringen und unsere Lebensgewohn- heiten für neue, gewinnbringende Ge- schäftsmodelle zu nutzen. Bedürfnisse und Sehnsüchte sind aber auch der Rohstoff für solidarisches politisches Handeln, weil sehr viele Menschen sehr konkrete Vorstellungen von und Sehnsucht nach einer besseren Welt haben. Die Krisenfolgen und die größer werdende Lebensangst sollten uns daher nicht in Agonie und Hoffnungslosigkeit treiben. Wir müssen unseren Blick auf jene Ungerechtigkeiten und Missstände lenken, auf denen man politisches Han- deln aufbauen kann. Letzten Endes geht es wie immer um Verteilung des im Übermaß vorhande- nen Reichtums. Und auch die Arbeits- belastung und damit die Arbeitszeit sind ein wichtiges Feld für politisches Handeln. Die Bedürfnisse der Men- schen nach Selbstverwirklichung, nach Gesundheit und Glück stehen im Wi- derspruch zu einer unglaublichen Ar- beitsverdichtung. Gleichzeitig haben Hunderttausende keine Arbeit. Es geht also auch um die Verteilung bezahlter Ar beit – und daher um Arbeitszeitver- kürzung. Gerechte Verteilung Letztendlich ist der Kampf um ein gutes Leben immer ein Kampf um die gerech- tere Verteilung der Ressourcen und damit Lebenschancen. Denn eines ist sicher: Mit dem der- zeit angehäuften Reichtum wäre ein gu- tes Leben für sehr viel mehr Menschen als jetzt nicht nur Utopie, sondern eine reale Möglichkeit. Dafür zu kämpfen ist eine lohnende Aufgabe. Lohnender Kampf für ein gutes Leben Nicht zuletzt © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm Dwora Stein Bundesgeschäftsführerin der GPA-djp und Vizepräsidentin der AK Wien

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