Full text: 70 Jahre Kampf für Gerechtigkeit (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/201510 Interview
Der Kernpunkt ist die betriebliche 
Praxis: Warum werden Frauen mit ihrer 
Tätigkeit so bewertet und in eine unte-
re Gruppe eingestuft und warum wer-
den Männer mit ihrer Tätigkeit höher 
bewertet und in die höhere Gruppe 
eingestuft? Der entscheidende Aspekt 
ist, dass weibliche Arbeit in vielen Fäl-
len unbegründet schlechter bewertet 
wird als männliche. 
Wie steht’s um die Vielfalt im ÖGB? 
Wir sind eine der vielfältigsten Organi-
sationen, die es überhaupt gibt. Wenn 
man sich den ÖGB mit seinen 70 Jahren 
anschaut, dann ist es mit der Entschei-
dung im Jahr 1945, den gemeinsamen, 
überparteilichen, aber nicht unpoliti-
schen Gewerkschaftsbund zu gründen, 
gelungen, eine Vielfalt unter einem 
Dach zu vereinen, die kaum übertroffen 
werden kann. 
Alleine wenn man die Vielfalt der 
unterschiedlichsten Berufsgruppen her-
nimmt. Unser gemeinsames Ziel ist, die 
Interessen der Arbeitnehmerinnen und 
Arbeitnehmer, also der unselbstständi-
gen Erwerbstätigen zu vertreten und 
vor allem jene der Mitglieder. Aber sind 
denn die Interessen des Arbeitnehmers 
Richter wirklich die gleichen wie jene 
der Arbeitnehmerin in der Kranken-
pflege? Sind die Interessen des Polizis-
ten die gleichen wie die einer Verkäufe-
rin im Handel? Sind die Interessen des 
Facharbeiters, der irgendwo auf der 
Welt auf Montage ist, wirklich die glei-
chen wie die Interessen des Verwal-
tungsbeamten im Rathaus? 
Wir haben die Vielfalt der unter-
schiedlichen Traditionen und histo - 
risch gewachsenen Identitäten. Auch 
die Interessen der gesellschaftspoliti-
schen Ausrichtungen sind sehr vielfäl-
tig: Mit dem Grundprinzip Überpar-
teilichkeit haben wir alle unter einem 
Dach vereint: Sozialdemokraten, Christ-
demokraten, Freiheitliche, Parteiunab-
hängige, grüne Gewerkschafter, kom-
munistische Gewerkschafter und so 
weiter. 
Stellen Sie sich vor, wie herausfor-
dernd es ist, in so einer großen Organi-
sation mit dieser Vielfalt einen Interes-
senausgleich herbeizuführen und dann 
zu einer gemeinsamen Position, zu ei-
nem gemeinsamen Arbeitsprogramm 
und zu gemeinsamen Zielsetzungen des 
ÖGB zu kommen, die von allen mitge-
tragen werden können. 
Angenommen, in der Arbeitswelt der 
Zukunft gibt es nur noch Einzelunter-
nehmerInnen. Welche Rolle hätte dann 
der ÖGB noch? 
Wir haben in dieser neuen Form der Ar-
beitswelt diese – ich nenne es so, obwohl 
es ein sperriges Wort ist – Prekarisierung, 
also ungesicherte Arbeitsverhältnisse. 
Das ist eine der größten Herausforde-
rungen. Zum Teil arbeiten Menschen als 
Neue Selbstständige, weil sie das selbst 
so wollen. Wenn ein Unternehmen da-
raus erwächst, dann ist das gut, denn es 
gibt viele Menschen, die nicht selbststän-
dig sein wollen und ganz gerne und sehr 
erfolgreich Arbeitnehmerinnen und Ar-
beitnehmer sind. 
Ich glaube aber nicht, dass es im 
 Extremfall fast nur mehr Neue Selbst-
ständige geben wird und keine Arbeit-
nehmer. Umgekehrt müssen wir genau-
so zur Kenntnis nehmen, dass das aus - 
schließliche Arbeitnehmertum ergänzt 
wird durch sehr viele Neue Selbststän-
dige und dass diese Menschen auch ein 
Recht auf soziale Absicherung haben.
Da wäre es von größter Bedeutung, 
dass man für diese genauso ein gesetzli-
ches Rahmenwerk schafft, damit sie 
existenzsichernd arbeiten können und 
nicht das volle Risiko allein tragen 
müssen.
Das ist ja oft verbunden mit Indi-
vidualisierung, was eine Organisie - 
rung schwierig macht. Wie damit 
 umgehen?
Unser Gegenüber, unser Vertragspart- 
ner ist der Arbeitgeber, etwa wenn 
es darum geht, einen Arbeitsvertrag zu 
verhandeln oder Rahmenbedingungen 
für einen Arbeitsvertrag zu verein- 
baren. Aber das gibt es bei den Neuen 
Selbstständigen nicht. Wie regele ich als 
Gewerkschaft einen Werkvertrag, der 
zwischen zwei Selbstständigen abge-
schlossen wird? Das wäre eigentlich 
 Aufgabe der Wirtschaftskammer, im-
merhin betrifft das die Hälfte ihrer 
 Mitglieder.  
Was war der oder was waren die 
 größten Erfolge der letzten 70 Jahre? 
Einer der größten Erfolge ist, dass wir 
mit den 70 Jahren Zweite Republik 
70 Jahre sozialen Frieden in Österreich 
haben. Gerade wenn man es an der Zwi-
schenkriegszeit misst, dann weiß man, 
welch hohen, hohen Wert dieser soziale 
Friede hat. 
In diesen letzten 70 Jahren haben 
wir uns aus dem Trümmerhaufen des 
Zweiten Weltkrieges zu einem der 
wohlhabendsten, sozial sichersten und 
wirtschaftlich erfolgreichsten Staaten 
der Welt hinaufgearbeitet. Das war 
der Fleiß aller Österreicherinnen und 
Österreicher. 
Und es ist uns gelungen, den Inter-
essenausgleich in einer anderen Art 
und Weise zu organisieren und zustan-
de zu bringen als in der Ersten Repub-
lik oder davor. Das ist zu einem Gutteil 
das Verdienst der Sozialpartnerschaft 
und da ist der Österreichische Ge-
werkschaftsbund, gemeinsam mit der 
Arbeiterkammer, ein unverzichtbares 
Element, dem die Verbände der Ar-
beitgeberseite gegenüberstehen. Den 
wirtschaftlichen und sozialen Interes-
senausgleich friedlich organisiert zu 
 haben: Das ist die Erfolgsstory der letz-
ten 70 Jahre.
Eine der wesentlichsten Ziele ist es 
jetzt, diesen erfolgreichen Weg weiter-
zugehen. Was nicht heißt, dass man 
das eine oder andere adaptieren und 
der Zeit anpassen muss oder dass 
man nicht ändern sollte, was nicht er-
folgreich war. Es ist eine der schwie-
rigsten und wichtigsten Aufgaben, den 
Weg unter neuen Rahmenbedingun - 
gen in den nächsten 70 Jahren weiter-
zugehen.
 
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Sonja Fercher 
für Arbeit&Wirtschaft.
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