Full text: 70 Jahre Kampf für Gerechtigkeit (3)

33Arbeit&Wirtschaft 3/2015
rücksichtsloseste Säuberung des Berufs-
standes von all jenen Elementen, die eine mit 
dieser unvereinbare Haltung im Dienste der 
nationalsozialistischen Ideologie eingenom-
men haben, und zwar ohne Rücksicht darauf, 
ob sie der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen 
angehört haben.“ Noch im gleichen Jahr ver-
starb Nowotny. 
Bestrafung von Widerstandskämpfern
Fritz Keller: „In der Gewerkschaft der Ange-
stellten der freien Berufe verband sich ein 
konservativer Widerstand rund um die Grup-
pe 05 mit einer Gewerkschaftsidee, in der 
Substanz auch mit einer konservativen Ideo-
logie. Diese Bündelung von Widerstand und 
Entnazifizierung fand seinen Niederschlag in 
der Resolution. Es wird gefordert, dass selbst 
die Sympathie für die Nazis bestraft wird.“ 
So weitreichend diese Positionierung war, so 
schnell verabschiedete man sich wieder da-
von: „Das wendet sich unheimlich schnell – 
auch in der Praxis – derart, dass die Wider-
standskämpfer bestraft werden“, so Keller. 
Dies musste Karl Rössel-Majdan nach dem 
Zweiten Weltkrieg bitter zur Kenntnis nehmen. 
Er wurde 1916 als Sohn eines Opernsängers 
in Wien geboren, baute nach dem „Anschluss“ 
eine illegale Studentengruppe auf und be-
gründete 1938 die „Großösterreichische Frei-
heitsbewegung“ (05) mit. Zur Wehrmacht 
eingezogen, setzte Rössel-Majdan seine In-
formationstätigkeit für die Widerstandsbe-
wegung fort, wurde 1940 verhaftet und in 
einem Volksgerichtshof-Prozess 1944 wegen 
„Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zehn Jah-
ren Zuchthaus verurteilt. Der spätere Kultur-
wissenschafter konnte aus dem Zwangsar-
beiterlager Wien-Lobau flüchten, bis Kriegs-
ende als U-Boot überleben und sich an den 
Kämpfen in Wien beteiligen. Ab 1946 arbei-
tete Rössel-Majdan beim ORF, unter anderem 
als wissenschaftlicher Referent, später als 
Kurzwellendienst-Hauptabteilungsleiter. In 
seiner Funktion als Leiter des Personalrefe-
rats entließ er 1947 einen ehemaligen Nati-
onalsozialisten, und zwar trotz sowjetischer 
Besatzungsmacht, bei der sich dieser rück-
versichert hatte. 
In einem gekränkten Brief wendet sich Rössel-
Majdan im Juli 1947 ausgerechnet an den 
damaligen Bundespräsidenten Karl Renner: 
„Trotz meiner Eigenschaft als politisch ge-
maßregelter Professor und Besitzer der Amts-
bescheinigung als Opfer des Freiheitskampfes 
bin ich heute, 2 1/2 Jahre nach der Befreiung, 
noch nicht pragmatisiert und beziehe immer 
noch einen Vertragsgehalt, der bedeutend 
niedriger ist als der meiner Kollegen, die als 
Pg (Anm. Parteigenosse) oder als Kollabora-
teur während der Hitlerzeit im Amt geblieben 
sind … Es liegt also die groteske Tatsache 
vor, dass ein aufrechter treuer Österreicher, 
der zugleich als Freiheitskämpfer zu den 
schwersten Naziopfern gezählt werden muss, 
in materieller und moralischer Hinsicht heu-
te noch schlechter behandelt wird als ein Pg 
und somit förmlich für seine unwandelbare 
Treue bestraft wird, 2 1/2 Jahre nach der Be-
freiung!“ (Siehe Bild oben.) Ob der Wider-
standskämpfer eine Antwort des Bundesprä-
sidenten erhielt, ist unbekannt – an seiner 
Situation änderte sich nichts. 
Für Historiker Keller ist allein der Adressat 
reichlich Anlass für Verwunderung: „Ich finde 
den Brief schon sehr eindrucksvoll, weil er 
das ganze Ambiente rundherum zeigt, wie 
man Widerstandskämpfer, die beim Volksge-
richtshof waren, wirklich behandelt hat und 
auch nicht imstande war, etwas Produktives 
mit ihnen anzufangen, sondern versucht hat, 
sie an den Rand des ÖGB zu drängen.“ 
Grenzgänger
Unter Gerd Bacher wird Rössel-Majdan 1969 
abgesetzt – die KMSfB hatte unter anderem 
eine Dokumentation über die Gesetzes- und 
Vertragsverletzungen von Bacher veröffent-
licht. Ende 1970 wurde Karl Rössel-Majdan 
als Quereinsteiger Vorsitzender der KMSfB und 
blieb es 16 Jahre lang – er starb 2000. 
„Für Grenzgänger zwischen diesen beiden 
 Lagern – Kommunisten mit dem Weltgewerk-
schaftsbund auf der einen und Sozialdemo-
kraten mit dem Internationalen Bund freie 
Gewerkschaften auf der anderen Seite – gab 
es kaum Platz“, erklärt Fritz Keller. „Die kon-
servativen Widerständler in der Gewerkschaft 
der Angestellten der freien Berufe wurden mehr 
und mehr isoliert und es war eigentlich kein 
Raum mehr für sie in der Struktur der Nach-
kriegszeit. Der Brief von Rössel-Majdan an 
Renner macht das deutlich, es wird gezeigt, 
wie die Isolation solcher Grenzgänger voran-
schreitet. Und die Normalität, die Eliten-
kontinuität, erhielt immer größeren Zulauf 
und Zuspruch.“
Internet:
Dokumentationsarchiv des Österreichischen 
 Widerstands/DÖW 
Karl Rössel-Majdan: Handschlag genügt: 
tinyurl.com/nsc73xd
 Schreiben Sie Ihre Meinung 
an die Autorin
sophia.fielhauer@chello.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
©
 F
rit
z 
Ke
lle
r
Schwerpunkt
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.