Full text: 70 Jahre Kampf für Gerechtigkeit (3)

Arbeit&Wirtschaft 3/2015 9Interview
behandelt zu werden. Sehen Sie das 
auch so?
Ja, in der Europäischen Union sicher. 
Natürlich war und ist die EU auch ein 
Friedensprojekt, entstanden vor dem 
Hintergrund der Weltkriege und der 
Not wendigkeit, Europa wiederaufzubau-
en. Aber von Anfang lag der Fokus eher 
auf wirtschaftspolitischen Interessen, um 
Europa innerhalb der globalen Weltwirt-
schaft besser zu positionieren. Das zieht 
sich wie ein roter Faden bis in die Ge-
genwart durch, bis man langsam drauf-
gekommen ist: ‚Hallo, da gibt es ja auch 
noch Menschen, die arbeiten.‘ Das ist in 
den Köpfen der Eliten und vor allem der 
Wirtschaftseliten immer nur dann drin-
nen, wenn man Beruhigungszuckerln 
und Belobigungen an die Mitarbeiter 
austeilt. Wenn es aber um die Rechte, 
um Ansprüche und Mitbestimmung 
geht oder um Entgelt, Arbeitnehmer-
schutz und dergleichen, sinkt das in der 
Priorität. 
Nachdem aber die Europäische Uni-
on von diesen Wirtschaftseliten domi-
niert wird und von den Arbeitneh-
merinnen und Arbeitnehmern leider 
nicht im gleichen Ausmaß mitgestaltet 
werden kann, haben wir dort einige so-
zialpolitische Defizite.
Ein beliebter Vorwurf gegenüber der 
Gewerkschaft lautet, dass sie zu weit 
weg von den alltäglichen Problemen 
sei. Was sagen Sie dazu? 
Dieses Argument will ich gar nicht in 
Abrede stellen, aber das ist so alt wie 
die Gewerkschaftsbewegung selbst. Weil 
die, die sagen: „Die Gewerkschaft ist weit 
weg vom Alltag“, sind in vielen Fällen 
ident mit jenen, die sagen: „Jetzt habe 
ich ein Alltagsproblem und möchte, 
dass das irgendwer da oben für mich 
 regelt.“
Wir sind durch die vielen Betriebs-
rätinnen und Betriebsräte, deren Hand-
lungsbereich unmittelbar der Betrieb 
ist, im Alltag präsent. Wir haben dem-
entsprechend vielfältige Möglichkeiten, 
in Verhandlungen mit Geschäftsführern 
oder der Unternehmensleitung Unge-
rechtigkeiten oder Gesetzesverstöße ab-
zustellen und saubere Arbeitsbedingun-
gen zu vereinbaren.  Von der Basis 
kommen berechtigte Forderungen wie: 
„Das sollte gesetzlich geregelt sein, das 
gehört geändert und darf nicht sein 
oder das wollen wir haben. Das sollte 
man in den Kollektivvertrag hinein-
schreiben.“ 
Wenn man die Gesetze und Kol-
lektivverträge dann hat und am Ar-
beitsplatz wird deren Einhaltung aber 
nicht überwacht – hier kommen wie- 
der die Betriebsrätinnen und Betriebs-
räte ins Spiel –, dann sind sie das Papier 
nicht wert, auf dem sie geschrieben 
sind. 
Es gibt also ein ständiges Wechsel-
spiel zwischen Alltag am einzelnen Ar-
beitsplatz bis hinauf zur Gesetzwer-
dung. Daher ist das Argument wie 
immer nicht ganz falsch, weil es dem 
persönlichen Empfinden des Einzelnen 
entspricht, bei dem gerade etwas nicht 
geregelt ist. Auf der anderen Seite enga-
gieren wir uns ja genau dort, deshalb 
finde ich den Vorwurf nicht wirklich 
gerechtfertigt. 
Wann wird es eine Frau an der Spitze 
des ÖGB geben? 
Wenn der Souverän, das ist in dem Fall 
der ÖGB-Kongress, eine weibliche Kan-
didatin zur Präsidentin wählt. 
Müsste man bei der Nachwuchsförde-
rung noch mehr tun, um Frauen ver-
stärkt zu fördern? 
Grundsätzlich braucht es schon eine 
 Förderung von Frauen – das haben wir 
auch in unseren Betriebsvereinbarun- 
gen –, weil sie, bedingt durch die männer-
dominierte Welt, in der wir noch immer 
leben, einen Startnachteil haben und ein 
schwierigeres Umfeld vorfinden. Wir ha-
ben in vielen Bereichen immens kompe-
tente Frauen. Wenn bei uns sowohl eine 
Frau als auch ein Mann mit gleicher 
 Qualifikation und geeigneter Persönlich-
keit für eine Position zur Wahl stehen, 
dann haben wir die Zielsetzung, dass 
Frauen so lange bevorzugt werden, bis 
entsprechend viele Frauen Führungs- 
und Leitungspositionen innehaben. Das 
ist  angesichts der bestehenden gesell-
schaftlichen Rahmenbedingungen eine 
gerechtfertigte Maßnahme.
Welche frauenpolitischen Herausforde-
rung sehen Sie auf Kollektivvertrags-
Ebene? 
Das Wesenselement eines Kollektivver-
trags ist es ja, Mindeststandards zu regeln 
– ich sage bewusst: Mindeststandards! 
Unsere Lohngruppen sind, was den Be-
trag betrifft, absolut geschlechtsneutral. 
Da ist nicht mehr viel möglich. 
Die Herausforderung bestehe darin, Regelun-
gen zu finden, die an die jeweiligen Bedürfnisse 
angepasst sind, ohne dass sich der Arbeitgeber 
das billigste Modell aussuchen kann.
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