Full text: Nur ned hudeln (8)

11HistorieArbeit&Wirtschaft 8/2015
naus in die freie Natur. Ausflüge, Wan­
derungen oder Campingfahrten sind zur 
Selbstverständlichkeit geworden. Neben 
anderen Problemen, die dabei zu lösen 
sind, spielt der Proviant eine wichtige 
Rolle, muss er doch, je nach Jahreszeit, 
Hitze oder Kälte gut überstehen und trotz­
dem schmackhaft sein.
Die Fleischerbetriebe haben … ihre Pro­
duktion entsprechend eingestellt. Viele 
Arten von Dauerwürsten … werden in 
erstklassiger Qualität angeboten … Die 
Herstellung solcher Dauerwaren erfor­
dert besondere Gewissenhaftigkeit, Ge­
nauigkeit und Sorgfalt … Da Dauer­
wurst vielfach einen Reifeprozess durch­
machen muss, ist ständiges Überprüfen 
und Beobachten notwendig, das an das 
Fachwissen der damit betrauten Fleisch­
arbeiter genauso hohe Anforderungen 
stellt wie an jene, die bei der Vorbereitung 
oder an den Maschinen beschäftigt sind.
Neben Firmen, die sich ausschließlich mit 
der Erzeugung von Dauerwaren befassen, 
haben auch viele andere Fleischerbetrie­
be diese Produktion aufgenommen. Der 
gut organisierte Vertrieb ermöglicht es 
den Ausflüglern, sich in jedem beliebigen 
Lebensmittelgeschäft mit Reise­ und Aus­
flugsproviant einzudecken.
So tragen auch unsere Fleischarbeiter da­
zu bei, dass die Freude an Luft, Licht und 
Sonne, an Wald und Flur nicht nur ein 
Privileg der in Autos dahinrasenden und 
in teuren Restaurants speisenden Begü­
Diktatur, Faschismus und Krieg hatten die zu-
vor erkämpften Arbeitszeitregelungen außer 
Kraft gesetzt. Im Jahr 1945 galt der Elfstun-
dentag, der Achtstundentag musste von den 
Gewerkschaften wieder neu erkämpft werden. 
1950 war das Ziel erreicht: Der Achtstunden-
tag war wieder in den Kollektivverträgen ver-
ankert, allerdings noch nicht im Gesetz. Ab 
1946 gab es wieder einen gesetzlichen Ur-
laubsanspruch für ArbeiterInnen, ohne die ge-
werkschaftlichen KV-Verhandlungen hätte er 
aber vielfach nur auf dem Papier gestanden. 
Das war die Situation, die das Fachblatt „Der 
Lebensmittelarbeiter“ 1955 in einem Beitrag 
über das Freizeitverhalten einen „bescheide-
nen Platz an der Sonne“ nannte. Dieser Beitrag 
ist, abgesehen von der witzigen Schleichwer-
bung für die Fleischerbranche, noch aus einem 
anderen Grund spannend: Er verweist auf die 
zunehmende Anforderung an Konzentration 
und Aufmerksamkeit durch die Industrialisie-
rung der Produktion und die damit verbunde-
ne Zunahme von Stress. Deshalb fordert die 
Gewerkschaft für die ArbeiterInnen das Recht 
auf „entschleunigte Stunden“ ein – anders 
als für die „Begüterten“ war es für sie keine 
Option, zur Entspannung mit einem Auto durch 
die Landschaft zu rasen. 
In dem Ausmaß, in dem sich die Arbeiter 
einen vorläufig noch bescheidenen Platz 
an der Sonne erkämpft haben, sind ihre 
Lebensgewohnheiten anders geworden. 
Die Freizeit wird nicht mehr wie früher 
in rauschgeschwängerten Kneipen ver­
bracht, sondern der Großteil der licht­ 
und lufthungrigen, die ganze Woche an­
gestrengt schaffenden Arbeiter strömt hi­
Die Licht- und Lufthungrigen
Vor 60 Jahren begannen die Gewerkschaften, gesunde Freizeit als Medizin gegen den 
zunehmenden Stress in der Produktion zu propagieren.
terten ist, sondern auch die Werte schaf­
fenden Arbeiter daran teilhaben können. 
Bleibt nur zu wünschen, dass auch die 
Fleischarbeiter Verständnis finden, wenn 
sie sich gegen jene Gruppe von Meistern 
wehren, die sie … daran hindern, sich 
ebenfalls der freien Natur zu erfreuen. 
Ausgewählt und kommentiert 
von Brigitte Pellar 
brigitte.pellar@aon.at
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Dieses Plakat aus dem Jahr 1953 informiert 
über die Bedeutung der Gewerkschaften 
beim Durchsetzen des Rechts auf Urlaub. 
Auslandsaufenthalte sind Zukunftsmusik, 
aber die Familie hat die Chance, gemeinsam 
„in der Wiese zu liegen und die Seele bau-
meln zu lassen“.
        

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