Full text: Nur ned hudeln (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/201512 Schwerpunkt
N
icht nur im Deutschen, auch in 
anderen Sprachen ist die Schne-
cke das Symbol für die Langsam-
keit. Der englische Begriff Snail-
Mail ist inzwischen zum geflügelten Wort 
geworden. Auch auf Bosnisch, Kroatisch 
und Serbisch bezieht man sich auf dieses 
langsame Lebewesen, wenn man „puže-
vim korakom“ sagt – im Schnecken-
schritt gehen. Auch in Frankreich bewegt 
man sich „comme un escargot“, also wie 
eine Schnecke. Biologisch betrachtet, ist 
die Schnecke in unseren Breiten in der 
Tat eines der langsamsten Tiere, die 
Weinbergschnecke etwa bewegt sich pro 
Stunde um drei Meter weiter.
Horror Langsamkeit
Sich so langsam fortzubewegen ist für 
viele heutzutage geradezu zur Horror-
vorstellung geworden: Es soll schneller 
gehen, Wartezeiten soll es möglichst kei-
ne geben, schon gar nicht in der Wirt-
schaft. Immer mehr ist von dieser Be-
schleunigung auch die Freizeit betroffen. 
Zugleich scheinen sich viele Menschen 
nichts mehr zu wünschen, als aus diesem 
stressigen Leben auszusteigen. Dass dies 
viele auch tun, darin wollen manche so-
gar einen „Trend zur Entschleunigung“ 
sehen. Falsch wäre dies nicht, ganz im 
Gegenteil. Denn die Erfahrung zeigt: 
Arbeitszeitverkürzung schafft nicht nur 
Arbeitsplätze, sondern verbessert insge-
samt ihre Qualität – und sorgt damit 
unterm Strich für gesunde wie motivier-
te MitarbeiterInnen. 
„Entschleunigung“ an sich ist, auch 
wenn man sich das heute nur schwer 
vorstellen kann, ein sehr altes Thema. 
Allerdings war Muße ein Privileg der 
Wohlhabenden. Die Kulturgeschichte 
ist natürlich komplexer, doch um es 
kurz zu fassen: Aus dem Flanieren des 
Adels wurde Windowshopping, aus dem 
Konsum-Privileg weniger wurde Shop-
pen für alle – und vor allem ein Antrieb 
für die Wirtschaft. Aber wie kommt es 
eigentlich, dass der Mensch zwar viel 
Energie in Innovationen investiert, die 
ihm eigentlich das Leben erleichtern 
sollen – um sich stattdessen letztlich von 
ihnen hetzen zu lassen? 
Zeitersparnis
Grundsätzlich, so sagt der deutsche So-
ziologe Hartmut Rosa, sei die Geschich-
te der Menschheit eine Geschichte der 
Beschleunigung. „Fast jede Technik dient 
der Zeitersparnis“, fasst er im Interview 
mit der „Wirtschaftswoche“ zusammen. 
„Das Auto, das Flugzeug, die Mikrowel-
le, der Fahrstuhl, der Rasierapparat, auch 
die Waschmaschine. Die wäscht zwar 
langsam, aber ich spare enorm viel Zeit.“ 
Und doch leidet der moderne Mensch 
vor allem an einem: Zeitknappheit. 
In seinem Buch „Beschleunigung“ 
gibt Rosa die oft zitierte „Anekdote zur 
Senkung der Arbeitsmoral“ von Hein-
rich Böll wider – diese stammt aus dem 
Jahr 1963, wohlgemerkt: Ein an der Küs-
te dösender Fischer wird von einem Un-
ternehmer angesprochen, warum er nicht 
alles daransetze, um mehr zu verdienen, 
wenn nicht gar ein ganzes Unternehmen 
zu gründen, um dann andere für sich ar-
beiten lassen zu können. Auf die Frage 
des Fischers nach dem Sinn von all dem 
antwortet der Unternehmer letztlich: 
damit er sich „dann den ganzen Tag lang 
an den flachen Strand setzen, die Sonne 
genießen und angeln“ könne. Das tue er 
doch jetzt auch schon den ganzen Tag, 
hält dem der Fischer entgegen. 
Mit dieser Geschichte ist jedenfalls 
ein wichtiger Aspekt der modernen Ge-
sellschaft angesprochen, nämlich Wachs-
tum um jeden Preis. Und doch endet 
man in der Sackgasse. „Es ist immer das 
Gleiche: Der Horizont dessen, was man 
mithilfe neuer Techniken pro Stunde, 
Tag und Woche erledigen kann, wächst 
und schrumpft zugleich“, stellt Rosa fest. 
Der gravierende Unterschied liege 
darin, dass der Fischer angeln müsse, 
um sich seinen Lebensunterhalt zu ver-
dienen, während der Unternehmer fi-
schen könne. „Erweiterung des Mög-
lichkeitshorizontes“ nennt Rosa das. 
Die Qual der Wahl ist wiederum die 
Kehrseite der Medaille – dazu gesellte 
sich erst die Kommerzialisierung aller 
Lebensbereiche bis hin zur Freizeit, plus 
die immer mehr verschwimmenden 
Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. 
Like a Snail
Menschen lassen sich von den neuen Techniken unter Druck setzen, statt diese zur 
eigenen Entlastung einzusetzen. Dabei wäre weniger Stress produktiver.
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst der Arbeit&Wirtschaft B U C H T I P P
Hartmut Rosa: 
Beschleunigung  
und Entfremdung 
Suhrkamp, 154 Seiten,  
2013, € 20,60
ISBN: 978-3-518-58596-2
Bestellung:
www.besserewelt.at
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.