Full text: Nur ned hudeln (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/201514 Schwerpunkt
I
ch muss ein Geständnis machen“, 
schrieb Leo Babauta Mitte September 
auf seinem Blog „Zen Habits“. Er, der 
sich als Befürworter von Minimalis-
mus und Vereinfachung einen Namen 
gemacht hat, sei in letzter Zeit „zum Mul-
titasking und zur Ablenkung zurückge-
kehrt“. Dabei hat er nicht nur einen Rat-
geber, sondern auch eine Vielzahl an Blog-
Einträgen zum Thema Single-Tasking 
geschrieben. Im Jahr 2010 reihte das 
 „Time Magazine“ zenhabits.net sogar auf 
Platz eins der „Top 25 Blogs“. Im Grun-
de ist es wenig verwunderlich, dass Zen 
Habits gerade in dieser schnelllebigen Zeit 
so großen Erfolg hat. Immerhin geht es 
dort laut Eigendefinition darum, „Ein-
fachheit im täglichen Chaos unseres 
 Lebens“ zu finden.
Ungefähr so sieht dieses Chaos aus: 
Während eifrig immer raffiniertere Tech-
nologien entwickelt werden, die unser 
Leben komfortabler machen sollen, lässt 
uns der Umgang mit denselben Techno-
logien den Atem stocken. Wir tragen 
kleine Alleskönner in Form von „smar-
ten“ Telefonen ständig bei uns, die uns 
erlauben, jederzeit Informationen abzu-
rufen – zum Beispiel, wie wir am schnells-
ten von A nach B gelangen. Diese Ge-
wissheit lässt uns zu spät aufbrechen, so-
dass uns die kleinste Verzögerung erst 
recht in Stress versetzt. Wir können heute 
zu jeder Zeit und an jedem Ort arbeiten. 
Das Dumme ist nur: Wir tun das auch, 
und jeder weiß, dass wir immer und 
überall unseren Laptop aufklappen kön-
nen, um „schnell noch“ etwas zu erledi-
gen – und das wird dann auch von Ar-
beitgebern und PartnerInnen verlangt. 
Dazu kommt, dass wir schön und fit aus-
sehen sollen und/oder wollen. Wenn wir 
gerade nichts Berufliches erledigen, kön-
nen wir also Hanteln stemmen oder uns 
an die Kletterwand hängen. Nicht zu ver-
gessen das Netzwerken und Bescheidwis-
sen, was in der Welt passiert. Und unsere 
Kinder? Die sollen neben den schulischen 
Aufgaben bitte ein Instrument, Chine-
sisch und Programmieren lernen und im 
Fußballverein eine gute Figur machen. 
Und wer sich verweigert und lieber faul 
herumliegt? Der soll das bitte zumindest 
mit schlechtem Gewissen tun.
Sogenannte Freizeit
Das Paradoxe daran: Zumindest im his-
torischen Vergleich haben wir gar nicht so 
wenig Freizeit. Allein im 20. Jahrhundert 
hat sich dem in Wien ansässigen Institut 
für Freizeit- und Tourismusforschung 
(IFT) zufolge die durchschnittliche Le-
benszeit europaweit um ein Drittel ver-
längert, die Arbeitszeit wurde auf 39 Wo-
chenstunden halbiert, und der Urlaub hat 
sich auf bis zu fünf Wochen ausgeweitet, 
manche kommen sogar in den Genuss von 
sechs Wochen. „Nur 14 Prozent unserer 
Lebenszeit verbringen wir im Beruf und 
in Ausbildungen“, sagt IFT-Leiter Peter 
Zellmann. Ein Drittel unseres Lebens ver-
schlafen wir, und der Rest, nämlich 53 
Prozent, ist laut Zellmann die „sogenann-
te Freizeit“. So genannt, weil es „nicht die 
freie Zeit für uns selbst“ ist. Bei Alleiner-
ziehenden oder Eltern mit zwei Kindern 
sei diese Zeit gleich null. Ansonsten gehe 
der Großteil der Freizeit für Ehrenämter, 
selbst gewählte Verpflichtungen, Heimar-
beit und Leistungen für die Familie drauf. 
All diese Tätigkeiten gelten nicht als Ar-
beit im Sinne des BIP. Würde man sie da-
zurechnen, sähe die Freizeitbilanz schon 
anders aus.
Die „Freizeitgesellschaft“ sei „eine fal-
sche Überschrift des Boulevards“, findet 
Zellmann. Es habe sich in den letzten 30 
Jahren viel weniger verändert, als man 
annehmen würde: Der passive Konsum 
von Fernsehen, Radiohören und Lesen 
sei etwa seit rund 30 Jahren ziemlich 
gleich geblieben. Insgesamt betreiben 
auch nicht mehr ÖsterreicherInnen 
Sport. Selbst so etwas wie der Laufboom 
habe nicht so stattgefunden, wie in den 
Medien beschrieben: „Es laufen gleich 
viele Menschen wie in den Achtzigerjah-
ren, aber die, die laufen, laufen heute je-
den Tag.“ Zweifellos aber ist nicht alles 
gleich geblieben: „Die Mobiltelefonie 
und das Internet haben unser Freizeit-
budget verändert. Die Digitalisierung 
hat uns in die Technikfalle gelockt.“ Wir 
haben uns angewöhnt, in die gleiche 
Zeiteinheit immer mehr hineinzustop-
fen, anstatt die Zeit für unser Wohlbefin-
Bittersüße Freizeit
Für viele hat das Wort Freizeit einen bittersüßen Klang: Sie haben entweder gar 
keine, viel zu viel davon oder sie können sie nicht auf befriedigende Weise füllen.
Alexandra Rotter
Freie Journalistin B U C H T I P P
Friedhelm Hengsbach: 
Die Zeit gehört uns 
Widerstand gegen das  
Regime der Beschleunigung
Verlag Herder, 288 Seiten,  
2014, € 10,30
ISBN: 978-3-45106-703-7
Bestellung:
www.arbeit-recht-soziales.at
        

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