Full text: Nur ned hudeln (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/2015 15Schwerpunkt
den zu nutzen. Der Lebenszeitgewinn 
führe keineswegs zu mehr Lebensquali-
tät, sondern vielmehr zu Zeitknappheit 
und Burn-out.
Das Thema Zeit beschäftigt auch den 
Wirtschafts- und Sozialethiker Friedhelm 
Hengsbach seit Jahrzehnten. Die unge-
heure Dynamik der Finanzmärkte mit 
ihrem Hochfrequenzhandel, der durch 
die Kombination von Technik und Fi-
nanzwirtschaft möglich wurde, war für 
ihn der Anstoß, das Buch „Die Zeit ge-
hört uns: Widerstand gegen das Regime 
der Beschleunigung“ zu schreiben. Un-
gleiche Verteilung gibt es nicht nur bei 
Einkommen und Vermögen, sondern 
auch beim Thema Zeit oder besser 
Zeitsouveränität. „Wem wird mehr Frei-
zeit gestattet? Und wem nicht?“, fragt 
Hengsbach. Problematisch werde es 
„überall da, wo einseitige Machtverhält-
nisse bestehen“. Also wo zum Beispiel 
Unternehmen sich am Shareholder-Value 
orientieren und nicht mehr autonom ge-
nug sind. Zeit-Ungleichheit herrscht 
auch zwischen Männern und Frauen: Für 
viele Frauen beginnt nach der Erwerbsar-
beit die Kinderbetreuung oder das Sorgen 
für die Eltern. Männer, die ihre Erwerbs-
arbeit gerne reduzieren und dafür auch 
auf Lohn verzichten würden, stünden da-
gegen unter Rechtfertigungsdruck.
Herrliche Verlockungen
Freizeit hat für viele heute einen bittersü-
ßen Klang. Die einen kommen nicht in 
deren Genuss, weil sie aufgrund von Über-
stunden, Hausarbeit oder familiären Ver-
pflichtungen nur noch ins Bett fallen, wenn 
alles erledigt ist. Andere haben zwar viel 
freie Zeit, weil sie keiner Erwerbsarbeit 
nachgehen, können es sich aber nicht leis-
ten, diese mit den herrlichen Angeboten 
der Konsumwelt zu füllen oder gar mit 
Muße. Wieder andere haben Zeit und 
Geld, wünschen sich aber, angestachelt von 
den verlockenden Rufen der Urlaubs- und 
Freizeitwirtschaft, mehr Geld und mehr 
Zeit und sind also auch nicht glücklich. 
Der Freizeitforscher Peter Zellmann 
kritisiert, dass es in Mitteleuropa bis heute 
eine tief verwurzelte Kluft zwischen Ar-
beit und Freizeit gibt. Während es in 
Skandinavien schon zu Beginn der 
1970er-Jahre etwas wie eine Freizeitpoli-
tik gegeben habe, war Freizeit für die Mit-
teleuropäerInnen „eher ein Negativum, 
das bestenfalls zur Wiederherstellung der 
Arbeitskraft gut war. Der Workaholic war 
das Leitbild der Nachkriegszeit.“ Freizeit-
politik meine weniger ein Freizeit-Ange-
bot als die Tatsache, dass Freizeit als gleich 
wichtiger Lebensbereich wie Arbeit ange-
sehen werde: „Nicht entweder … oder, 
nicht zuerst die Arbeit, dann das Spiel. 
Die Reihenfolge ist egal: Es darf auch zu-
erst das Spiel sein, wenn die Arbeit dann 
erst recht gut erfolgt.“ Zellmann ruft dazu 
auf, „Mut zur Muße“ zu haben.
Freizeitangebote wie der Kulturpass, 
mit dem unter dem Motto „Hunger auf 
Kunst und Kultur“ Benachteiligte Kul-
turangebote gratis in Anspruch nehmen 
können, sind laut Zellmann „durchaus 
vernünftige Maßnahmen“, aber sie 
„bringen die Gesellschaft nicht wirklich 
weiter“: Solange das Grundproblem 
nicht erkannt werde, haben solche 
„Pflästerchen“ wenig Sinn.
Dass viele von uns über ihre freie 
Zeit nicht mehr verfügen können, muss 
sich auch aus Friedhelm Hengsbachs 
Sicht wieder ändern. Er hofft auf eine 
Bewegung, eine Rebellion. Kleine Än-
derungen im Alltag wie sich „eine Vier-
telstunde auf einen Stuhl setzen und 
meditieren“ reichen nicht aus. Den-
noch: Nein sagen lernen, nicht immer 
gleichzeitig essen und lesen und einfach 
öfter mal „herumschildkröteln“ sind 
wichtig. Größere Gegenbewegungen 
zur beschleunigten Freizeit wie Urban 
Gardening, Slow Food und Konsumreduk-
tion – all diese Maßnahmen gingen in 
die richtige Richtung. Hengsbach: „Die 
Notwendigkeit einer Umkehr ist offen-
sichtlich.“ 
Freizeit entschleunigen
Was es aus seiner Sicht noch bräuchte, 
damit wir wieder Herr und Frau unserer 
Zeit werden: kollektive Arbeitszeitver-
kürzung, Nachhaltigkeit anstatt Wachs-
tumsrausch und Geschlechtergerechtig-
keit. Und bis es so weit ist, können wir 
ja zumindest unsere Freizeit entschleuni-
gen und jedenfalls – zeitweise – unsere 
schlauen Geräte ausschalten und mehr 
Muße einkehren lassen. 
Internet: 
Mehr Infos unter:
zenhabits.net
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oder die Redaktion
aw@oegb.at
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l
Der passive Konsum von Fernsehen, Radiohö-
ren und Lesen ist seit rund 30 Jahren ziemlich 
gleich geblieben. Selbst so etwas wie ein Lauf-
boom hat nicht stattgefunden.
        

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