Full text: Nur ned hudeln (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/2015 17Schwerpunkt
tisch das Elend reduziere. Er wiederum 
vertrat die Ansicht, dass die „Arbeits-
sucht“ der ArbeiterInnenschaft strukturell 
sogar zur eigenen Verelendung beiträgt – 
insbesondere im Falle eines Überangebots 
von Arbeitskräften. In seinem Gegenent-
wurf legt er der ArbeiterInnenbewegung 
eine völlig andere Strategie nahe, die tat-
sächlich stark an aktuelle Debatten erin-
nert: Wie sehen Alternativen für ein gutes 
Leben aus? Was braucht es dafür? Diese 
zentralen Fragen beantwortet er mit dem 
Konzept einer radikalen Arbeitszeitver-
kürzung sowie „der Verpflichtung der Ar-
beiter, ihre Produkte auch zu verzehren“. 
Durch die entsprechende Balance von 
moderaten Arbeitszeiten von täglich nur 
drei Stunden, sinnvoller gesellschaftlicher 
Nutzung der Technik und Umverteilung 
sei eine Welt möglich, in der jeder und 
jede auch ausreichend das Recht auf Faul-
heit in Anspruch nehmen könnte. Dieses 
„Recht auf Faulheit“ ist für den Sozialis-
ten Lafargue, im Gegensatz zu DenkerIn-
nen wie Spät, kein individuell umsetzba-
res Recht. Es ist ein Ansatz, um (geistige) 
Gegenmacht aufzubauen, um die Gesell-
schaft in der Folge kollektiv verändern zu 
können. Mit diesen Vorstellungen kön-
nen auch GewerkschafterInnen durchaus 
etwas anfangen, ebenso wie mit den stets 
modernen Forderungen nach Arbeitszeit-
verkürzung und Umverteilung. 
Die Arbeit hoch?
Fritz Keller, Historiker und ehemaliger 
Personalvertreter (Zentralvorstand GdG), 
beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv 
mit Paul Lafargue und ist auch Mither-
ausgeber seiner Werke. Bereits angesichts 
der Hymne der österreichischen Arbeite-
rInnenbewegung „Die Arbeit hoch“ 
(Lied der Arbeit) hält er als Gewerkschaf-
ter eine kritische Auseinandersetzung mit 
dem Arbeitsbegriff für unumgänglich. 
Visionär
Für Keller ist Paul Lafargue ein Visionär, 
der aktuelle Probleme wie die wachsende 
Zahl von Burn-outs, das neoliberale Prin-
zip „Wachstum und Produktion um jeden 
Preis“ und damit nicht zuletzt auch ökolo-
gische Fragen bereits in den 1880ern er-
kannt hat. Der Historiker versuchte, 
Lafargues Ideen daher auch in Gewerk-
schaftskreisen bekannt zu machen. In einer 
Debatte mit dem ehemaligen US-Arbeits-
minister Robert Reich auf dem 14. ÖGB-
Kongress im Jahr 1999 meinte Keller: „Ich 
hatte den Eindruck, dass Sie den Wirt-
schaftsprozess als unveränderlich, als eine 
wirtschaftliche Notwendigkeit darstellen, 
die man als solche akzeptieren muss. Ich 
glaube, dass Wirtschaft ein Produkt von 
Menschen ist und durch Menschen verän-
dert werden kann. Die Globalisierung ist 
nicht nur Realität, sondern auch ein 
Kampfslogan der Kapitalisten (…) Wenn 
zum Beispiel in Osteuropa nicht dieser Zu-
sammenbruch erfolgt wäre, hätten wir viel-
leicht heute nicht diese Wirtschaftssituati-
on. (…) Zusammenfassend: Ich glaube, 
wir sollten nach wie vor dafür einstehen, 
dass es in einer Gesellschaft die Möglich-
keit gibt, dass Männer und Frauen nicht 
Produkte des Marktes sind, dass wir nicht 
ohne Sinn und Zweck produzieren, son-
dern letztendlich das Recht auf Arbeit pro-
klamieren und auch damit beginnen kön-
nen, das Recht auf Faulheit zu verlangen.“ 
Dass die Umsetzung dieses Rechts 
letztlich vor allem eine Geld- und damit 
auch eine Machtfrage ist, scheint auch 
dem eingangs zitierten Patrick Spät be-
wusst zu sein. So fordert er nicht nur, die 
Füße hochzulegen und „Pippis Lied“ zu 
trällern („Ich mach mir die Welt, widde-
widde wie sie mir gefällt“). Er räumt 
auch ein, dass Pippi Langstrumpf einen 
Goldkoffer brauchte, um den leeren 
Kühlschrank zu füllen. Was jene ohne ei-
nen solchen Koffer tun müssen, zum Bei-
spiel um gegen das Ungleichgewicht von 
(oft unbezahlten) Überstunden und stei-
gender Arbeitslosigkeit vorzugehen, be-
antwortet ein anderer Beitrag aus dem 
Buch „Sag alles ab! Plädoyers für den le-
benslangen Generalstreik“. Die Berliner 
Aktivistin Lucy Redler fordert „Gegen-
wehr statt Yogi-Tee“ und ruft dazu auf, 
sich zu organisieren. Von den Gewerk-
schaften wünscht sie sich eine breite 
Kampagne für Arbeitszeitverkürzung bei 
vollem Lohn- und Personalausgleich, 
nicht zuletzt, um mehr „Zeit zum Leben, 
Lieben, Lachen, Sich-politisch-Engagie-
ren und von mir aus Yogi-Tee-Trinken 
für alle“ zu haben. 
Internet: 
Recht auf Faulheit, gesamter Text auf 
tinyurl.com/2m46oe
Fritz Keller über Paul Lafargue: 
tinyurl.com/opj765j
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johnevers@gmx.net
oder die Redaktion
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Schläft der Koala weniger als 18 Stunden am 
Tag, stirbt er an Erschöpfung. Der Mensch zieht 
es vor, 18 Stunden am Tag zu malochen.
        

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