Full text: Nur ned hudeln (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/2015 19Schwerpunkt
hochbeschleunigten Wettbewerbsge-
sellschaften jemals Schlafenszeit ist, 
raubt vielen den Schlaf“, schreibt 
 Elisabeth von Thadden in der „Zeit“ 
vom 21. Oktober 2014. Die Statisti-
ken, Ratgeber und Illustrierten notier-
ten seit Jahren immer aufgeregter 
die fiebrig ansteigenden Kurven der 
neuen Schlaflosigkeit, insgesamt gebe 
es heute über 80 schlafmedizinische 
Diagnosen. 
Wenig Schlaf verdirbt die Laune
Einer der Diagnostiker ist Ingo Fietze, 
der den Anstieg der Schlafstörungen 
nicht nur auf längere Lebenszeit zurück-
führt: Stress in der Arbeit und zu Hau-
se nage am Schlaf, die wachsenden He-
rausforderungen der Leistungsgesell-
schaft trügen das Ihre bei. Die 
häufigsten Schlafstörungen wie Insom-
nie, Schlafapnoe und unruhige Beine ver-
kürzen die Lebenserwartung, erhöhen 
das Risiko für Herz-Kreislauf- und an-
dere Erkrankungen. Sie verderben die 
Laune oder führen gar zu Depressionen, 
weiß der Experte. 
Ein Erwachsener schläft im Schnitt 
7 bis 7,5 Stunden. Der Anteil der 
KurzschläferInnen mit einer Schlafzeit 
von unter sechs Stunden steige drama-
tisch, so der Fachmann. Ein Experi-
ment von Forschern an der Universität 
Freiburg, die mehrere StudentInnen 
unter Steinzeitbedingungen ohne ex-
terne Einflüsse unter Beobachtung 
stellten, zeigte, dass sich deren Schlaf-
zeit um rund 90 Minuten verlängerte. 
Conclusio des Schlafexperten: Die In-
dustrialisierung raubt uns den Schlaf. 
Die Siesta light wurde in den Ländern 
des Nordens durch den mittäglichen 
Powernap eingeführt, mit dem nicht 
nur etwaiger fehlender Nachtschlaf 
kompensiert werden sollte. Zwar hat 
sich der Kurzzeitschlaf am Arbeitsplatz 
nicht durchgesetzt, doch findet er wei-
terhin zahlreiche VerfechterInnen in 
der Wissenschaft. 
„Warme Speisen ziehen Blut aus 
dem Gehirn Richtung Magen. Die 
Verdauung braucht Energie, die dem 
Gehirn fehlt“, transportiert Ingo Fietze 
das Sprichwort vom vollen Bauch in 
die Arbeitswelt. So sei es ökonomisch 
sinnvoll, zwischen 12.00 und 14.00 
Uhr eine Siesta zu machen. „Jeder Ar-
beitgeber trifft eine gute Entscheidung, 
wenn er flexible Arbeitszeiten und Ru-
hepausen zulässt. Das erhält die Ar-
beitsmoral, die Leistungsbereitschaft 
und sicher auch den Spaß an der Ar-
beit.“ Allerdings, so sein Rat, sollte 
nach spätestens 40 Minuten der We-
cker klingeln, um ein Absinken in den 
Tiefschlaf zu vermeiden. 
Subversiver Schlaf
„Schlaf ist die kompromisslose Unterbre-
chung der uns vom Kapitalismus geraub-
ten Zeit“, schreibt der Kunstkritiker Jo-
nathan Crary in seinem 100-seitigen Es-
say „24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus“. 
Darin rechnet er mit einer Gesellschaft 
ab, in der die Menschen 24 Stunden auf 
Trab gehalten werden sollen: als Käufe-
rInnen, KonsumentInnen, als ewig Er-
reichbare und Alarmierte. In ihr steht es 
nicht gut um den Schlaf. MedizinerIn-
nen berichten von Netzsüchtigen, die 
mehrmals des Nachts E-Mails checken. 
Der Schlaf verkümmert so zum „sleep 
mode“, zu einer Art lästigem Bereit-
schaftsmodus, immer verfügbar für die 
wichtigen Nachrichten der realen Welt.
Schlafen statt schuften?
Wenn man so will, ließe sich der Siesta-
Erlass des Bürgermeisters im spanischen 
Dorf Ador auch politisch interpretieren. 
Nach den Kommunalwahlen im Mai 
mussten die beiden etablierten Großpar-
teien, Sozialisten und Konservative, 
zahlreiche Rathäuser räumen. Neue, oft 
linksalternative Wahlbündnisse – ge-
gründet aus Protest gegen Korruption 
und rigiden Sparkurs – übernahmen das 
Ruder. Kann die Wiedereinführung der 
Siesta als Systemkritik verstanden wer-
den? Heißt schlafen statt schuften die 
neue Devise? Joan Faus wehrt sich gegen 
eine Überinterpretation und zitiert die 
Weltgesundheitsorganisation (WHO). 
Derzufolge ist ein 20- bis 30-minütiges 
Nickerchen zu Mittag der Gesundheit 
zuträglich. Außerdem, so Joan Faus, be-
wahre es besonders die Schwächsten vor 
einem Hitzschlag. 
Internet: 
Mehr Infos unter:
tinyurl.com/pwh5pmc
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oder die Redaktion
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Seit Jahrhunderten hat die Siesta  
in Spanien Tradition und sie galt als heilig.
        

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