Full text: Nur ned hudeln (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/2015 21Schwerpunkt
gewerbe, Tourismus, Unterhaltungsin-
dustrie, Gesundheitswesen, öffentlichem 
Verkehr ist sie selbstverständlich. „Arbeit 
am Sonntag kann nicht grundsätzlich 
schädigend sein. Sonst wäre ja jeder 
Landwirt im Burn-out. Wichtig sind 
Selbstbestimmtheit und Sinnorientie-
rung in der Arbeit“, stellt Pichler fest. 
Geht es bei Sonntagsarbeit also vorrangig 
um die autonome Entscheidungsmög-
lichkeit? In Österreich gilt für Vollzeitbe-
schäftigte, die am Sonntag arbeiten, ein 
Ersatzruhetag unter der Woche. Warum 
gleicht diese individuelle Regelung die 
Bedeutsamkeit eines allgemein arbeits-
freien Sonntags nicht aus?
Sozialtag und Tag für Ehrenamt 
„Die Gesellschaft braucht synchroni-
sierte Freizeit“, betont Franz Georg 
Brantner, Sprecher der „Allianz für ei-
nen freien Sonntag“ und GPA-djp-Re-
gionalvorsitzender von Wien. Seit 2002 
setzt sich die Allianz für die sozialen wie 
religiösen Anliegen dieses arbeitsfreien 
Tages ein, mit wachsender Zahl europä-
ischer BündnispartnerInnen. Der Sonn-
tag als Tag geistiger Erbauung und der 
Beziehung: Bei zunehmend flexibler Ar-
beitszeitgestaltung, wo Freizeit und Be-
gegnung auch organisiert sein wollen 
(und somit selbst zur Arbeit werden), 
schafft ein freier Sonntag gute Rahmen-
bedingungen. 
Rund eine halbe Million Arbeitneh-
merInnen arbeiten im Handel. In erster 
Linie betrifft die Sonntagsöffnung den 
Einzelhandel, aber nicht nur. Wird 
sonntags mehrheitlich gearbeitet, müs-
sen auch Kinder außer Haus betreut 
werden. In der Mehrzahl betrifft auch 
das Frauen, die mit Sonntagsarbeit 
ein zusätzliches Vereinbarkeitsproblem 
schultern müssten. Neben den kirchli-
chen und gewerkschaftlichen Allianz-
partnerInnen erklärt dies das Engage-
ment des Vereins der AlleinerzieherIn-
nen. Auch Vereine melden Bedenken 
an. Der österreichische Alpenverein, die 
Kinderfreunde oder der Österreichische 
Blasmusikverband: All diese Vereine 
brauchen einen freien Sonntag, sonst 
lässt sich ihre Tätigkeit kaum noch orga-
nisieren. 
Wiener Gemütlichkeit
Anders als in vielen europäischen Groß-
städten sind in Wien die Geschäfte am 
Sonntag noch weitgehend geschlossen. 
Geht es nach dem Präsidenten der Wie-
ner Wirtschaftskammer, soll die Einfüh-
rung von Tourismuszonen diese auch in 
Österreich einmalige Position der Haupt-
stadt beenden. In festgelegten Touris-
muszonen entlang touristischer „Hot-
spots“ wie der City, der inneren Maria-
hilfer Straße und Schönbrunn soll es 
Einzelhandelgeschäften erlaubt sein, am 
Sonntag zu öffnen. 
Dieser Vorstoß stößt bei Weitem 
nicht bei allen auf Gegenliebe. Die 
Mehrheit der Bevölkerung, die betroffe-
nen ArbeitnehmerInnen und auch viele 
Kleinbetriebe lehnen ihn vielmehr ab. 
Aus der Erfahrung der längeren Öff-
nungszeiten weiß man, dass das Ge-
schäft nicht mehr wird, sondern sich 
nur mehr verschiebt. „Konzerne und die 
Einkaufszentren treiben die Debatte um 
die Sonntagsöffnung voran. Die Ar-
beitsplätze, die da entstehen, sind prekä-
re, geringfügige oder Teilzeitjobs“, warnt 
Brantner. 
„Man muss die Menschen vor sich 
selbst schützen, der arbeitsfreie Sonntag 
ist ein kollektives Regulativ“, resümiert 
der Philosoph und Zeitcoach Franz J. 
Schweifer. Individualisierung wie Digi-
talisierung entgrenzen immer mehr Le-
bensbereiche, die zugleich Halt schen-
ken. Sei es Online-Shopping oder das 
E-Mail-Checken vor Beginn der Arbeits-
woche: müssen nicht alle, tun aber viele. 
Das gilt auch für die geplante Sonntags-
arbeitsregelung in Tourismuszonen. Bei 
steigendem Arbeitsdruck wird rasch aus 
einem Sollen ein Wollen. Der grundsätz-
lich arbeitsfreie Sonntag ist ein starkes 
Angebot für eine Auszeit von der Ar-
beits- und Konsumzeit. Politische Rah-
menbedingungen lassen sich einfordern, 
für die individuelle Umsetzung muss 
jede/r dann letztlich selbst sorgen. 
Internet: 
Mehr Infos unter:
www.freiersonntag.at
Servicetipp:
Die Sonntagsallianz bedankt sich mit  
einer  Fotoausstellung bei allen, die an  
diesem Tag arbeiten müssen. Diese ist  
bis 6. November bei freiem Eintritt im Foyer  
des ÖGB Catamaran in Wien zu sehen. 
Schreiben Sie Ihre Meinung 
an die Autorin
beatrix@beneder.info
oder die Redaktion
aw@oegb.at
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Menschen brauchen Rituale. Der Sonntag hat 
viele hervorgebracht: Sonntagskleidung, -braten 
oder -spaziergang.
        

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