Full text: Nur ned hudeln (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/201522 Schwerpunkt
Arbeiten nach Maß
Die Arbeitszeitpolitik 4.0 muss menschliche Bedürfnisse und gesellschaftliche 
Notwendigkeiten stärker berücksichtigen.
I
m Jahr 1930 prophezeite John May-
nard Keynes, dass sich die Wirt-
schaftsleistung innerhalb von 100 
Jahren auf das Vier- bis Achtfache 
erhöhen würde. Eine wöchentliche Ar-
beitszeit von 15 Stunden würde ausrei-
chend sein, um die Bedürfnisse der Men-
schen zu befriedigen. Durch die gewon-
nene Freizeit hätten alle mehr Zeit für 
soziale Beziehungen, menschliche Er-
kenntnis und Muße. Bis heute ist die 
Weltwirtschaft tatsächlich enorm ange-
wachsen – besonders nach 1946. Von ei-
ner so drastischen Verkürzung der Ar-
beitszeit, wie Keynes sie prognostiziert 
hatte, sind wir jedoch weit entfernt.
Im Jahr 2014 arbeiteten Vollzeitbe-
schäftigte in Österreich durchschnittlich 
43 Stunden pro Woche – ein Spitzen-
wert in Europa. Ebenfalls auf Platz zwei 
ist Österreich mit einer Teilzeitquote 
von 48 Prozent bei den weiblichen un-
selbstständig Erwerbstätigen. Die allge-
meine Arbeitslosenquote betrug 2014 
durchschnittlich fünf Prozent. Mehr als 
ein Drittel der Beschäftigten hat nach 
der Arbeit (fast) keine Energie mehr für 
private Angelegenheiten. Während also 
bei so manchen Stress und Überstunden 
an der Tagesordnung sind, arbeiten viele 
(unfreiwillig) nur Teilzeit und immer 
mehr sind auf Jobsuche. 
Flexibilisierung für wen?
Die Flexibilisierung hat zwar, etwa in 
Form der Gleitzeit, auch positive Auswir-
kungen für ArbeitnehmerInnen, gleich-
zeitig aber hat sie nicht selten für noch 
mehr (unbezahlte) Überstunden gesorgt. 
Zum Teil unterscheidet sich die gelebte 
Praxis doch ziemlich von der Theorie. 
Denn selbst bei Unternehmen mit flexi-
blen Arbeitszeitmodellen haben 10 bis 15 
Prozent der einfachen und qualifizierten 
Angestellten nie die Möglichkeit, den Ar-
beitsbeginn zu variieren, wie sich im Zu-
ge einer Studie der Uni Graz zeigte.
Flexibilisierung führt also nicht au-
tomatisch zur Individualisierung der Ar-
beitszeit. Wie weit Beschäftigte ihre Ar-
beitszeiten tatsächlich mitgestalten kön-
nen, scheint sehr von den alltäglichen 
Erfordernissen bzw. von den Vorgesetz-
ten abzuhängen. Auch bei Unterneh-
men mit fixen Arbeitszeitmodellen ge-
ben mehr als drei Viertel an, dass es zu-
mindest in Ausnahmefällen bzw. nach 
Absprache für die Beschäftigten möglich 
ist, den Arbeitsbeginn zu variieren. 
Ob Kinderbetreuung, Pflege, Wei-
terbildung, Fernweh oder einfach das 
Bedürfnis nach Erholung – viele Be-
schäftigte wünschen sich eine bessere 
Vereinbarkeit von Beruf und Privatle-
ben. (Frei-)Zeit gilt längst als wertvolles 
Gut. „Kein Geld der Welt kann Freizeit 
aufwiegen“: Dieser Meinung sind 39 
Prozent der ArbeitnehmerInnen laut ei-
ner kürzlich veröffentlichten Umfrage 
von karriere.at. Fast genauso viele (36 
Prozent) finden, dass Urlaubstage ein 
optimaler Benefit sind – wenn die Be-
zahlung ansonsten in Ordnung ist. Nur 
15 Prozent der Befragten tendieren eher 
zu Geld als Extra-Leistung des Unter-
nehmens, schränken aber ein, dass sich 
die dafür nötigen Überstunden im Rah-
men halten müssen.
Derzeit werden hauptsächlich fünf 
verschiedene, (eher) an den Bedürfnissen 
der Beschäftigten orientierte Modelle 
zur flexibleren Gestaltung von (Lebens-) 
Arbeitszeit praktiziert. Eines davon ist 
die Solidaritätsprämie: Wenn ein/e Be- 
schäftigte/r die Arbeitszeit reduzieren 
möchte, dann fördert das AMS die Ein-
stellung einer zusätzlichen Arbeitskraft 
im Ausmaß der Reduktion. Möglich ist 
eine Reduzierung um bis zu 50 Prozent, 
wobei sich das Gehalt nur um die halbe 
Stundendifferenz verringert. Das AMS 
finanziert die „Überzahlung“ der zeitre-
duzierten Arbeitskraft inklusive dafür 
 anfallender Lohnnebenkosten. Laufzeit: 
zwei Jahre, ist die Ersatzarbeitskraft älter 
als 45, sind es drei Jahre.
Freizeitoption
Eine andere Variante ist die Freizeitopti-
on: Die seit 2013 in einigen Branchen-
Kollektivverträgen ausgehandelte Mög-
lichkeit, statt mehr Einkommen mehr 
Freizeit zu bekommen, ist bei Jung und 
Alt gut angekommen. Insgesamt hat 
jede/r zehnte Beschäftigte diese Möglich-
keit gewählt. Die meisten haben die neue 
Freizeit angespart und noch nicht ver-
braucht. Rund die Hälfte wollen diese 
für die Pension aufheben. Leider hat die 
Arbeitgeber-Seite darauf bestanden, dass 
die Option nur einmal je ArbeitnehmerIn 
in Anspruch genommen werden kann. 
Vor allem MitarbeiterInnen im öf-
fentlichen Dienst können ein Sabbatical 
in Anspruch nehmen. Sie können eine 
sechs und zwölf Monate dauernde Aus-
zeit vom Berufsleben in Anspruch neh-
men. ArbeitnehmerInnen haben keinen 
Astrid Fadler
Freie Journalistin
        

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