Full text: Nur ned hudeln (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/2015 41Schwerpunkt
eher Leute in Bildungskarenz, die es sich 
leisten können, eine Zeit lang nur vom 
Arbeitslosengeld zu leben. Für viele ist 
Bildungskarenz schlichtweg nicht leist-
bar.“ Nicht jede/r verfügt über die ent-
sprechenden finanziellen Mittel oder 
kann einfach einmal so raus aus dem All-
tag oder Familienzusammenhang.
Eine Auszeit: Dafür hat sich die freie 
Journalistin Doris Neubauer nach jahre-
langer Vollzeitanstellung in der Kommu-
nikationsabteilung der APA und bei einer 
NGO entschieden. Finanziert hat sie es 
durch Erspartes. Zunächst reiste sie nach 
Australien und in die USA. Nach ihrer 
Rückkehr hielt es sie nicht lange in Wien, 
sondern sie fing ein Leben als „digitale 
Nomadin“ an. „Was ich für meine Arbeit 
brauche, ist ein Laptop und ein funktio-
nierendes Internet. Ob ich in einem Kaf-
feehaus in Tansania sitze und per Skype 
versuche, Interviews zu machen, oder 
hier, spielt dabei keine Rolle“, sagt sie. 
Arbeit und Urlaub auf einmal
In Amerika wurde für dieses Arbeitsmo-
dell der Begriff „Workation“ geprägt, die 
Verbindung aus Arbeit und Urlaub. „So-
genannte Coworking Camps oder Wor-
kation Retreats sprießen anscheinend ge-
rade wie die sprichwörtlichen Schwam-
merln aus dem Boden, und zwar inmitten 
herrlicher Landschaften in Gran Canaria, 
in der Türkei oder auch außerhalb von 
Berlin oder Paris, um nur einige zu nen-
nen“, sagt Christa Langheiter, die regel-
mäßig an Interessierte Auszeit-Newsletter 
mit interessanten Neuigkeiten rund um 
das Thema verschickt. „An inspirierenden 
Orten steht Infrastruktur zum Arbeiten 
zur Verfügung, ebenso wie Menschen zum 
Austauschen. Und Ruhe, um abzuschalten 
und sich zu entspannen“, schwärmt die 
ehemalige ORF-Redakteurin.
Entfremdung
Arbeit als Erfüllung, bei der die Grenzen 
zwischen Arbeit und Freizeit verschwim-
men, weil das Hobby zum Beruf wurde 
– und das auch noch um einen Lohn oder 
ein Gehalt, von dem man nicht nur leben, 
sondern zwischendurch sogar ausspannen 
kann: Wer träumt nicht davon? Und ist
es nicht genau das Gegenkonzept zur Ent-
fremdung in der Arbeit? Immer öfter ist
zu hören, dass das Leben zu kostbar sei,
um es mit kraftraubendem Alltagstrott
und ungelebten Träumen zu verbringen.
Wie groß das Interesse an „Sabbaticals und 
Auszeiten“ ist, merkt man auch an den
zahlreichen Büchern, die dazu erscheinen. 
Umfragen zufolge würden drei Viertel al-
ler ArbeitnehmerInnen in Österreich und 
Deutschland gerne eine längere Auszeit
vom Job nehmen. Diese Vorstellung eines 
Lebens jenseits der Entfremdung stößt al-
lerdings auf die Realitäten der Beschleu-
nigung am Arbeitsplatz und die Ansprü-
che der Wirtschaft.
Vor diesem Hintergrund wirkt es fast 
anachronistisch, wenn man den Rat-
schlag hört: „Es hilft, einen Schritt zu-
rückzutreten und einmal in Ruhe dar-
über nachzudenken, was Zeit eigentlich 
für uns ist.“ Dennoch hat der Philosoph 
und Ökonom Karlheinz Geißler recht: 
„Wann immer wir im Alltag über Zeit 
reden, sprechen wir letztlich über unser 
Leben. Wenn wir unzufrieden sind und 
sagen: ‚Ich habe keine Zeit‘, meinen wir 
oft ‚Ich habe kein Leben‘“, so Geißler. Er 
beschäftigt sich seit Langem mit der Fra-
ge, wieso wir uns so gehetzt fühlen. „In 
allen Hochkulturen waren Geduld, Ge-
lassenheit und Langsamkeit ein Zeichen 
von Würde, Klugheit und Selbstach-
tung“, erinnert er. Bei manchen Arbeit-
gebern spricht sich inzwischen herum, 
dass sie nichts davon haben, ihre Mitar-
beiterInnen wie Zitronen auszupressen. 
Zufriedenheit
Wie es weitergeht, steht für Sonja Buch 
nicht wirklich fest. Ihren Lebensunterhalt 
verdient sie derweil mit einem geringfü-
gigen Kellnerjob in der Gastwirtschaft 
der Tante. In Sachen Lebensstandard 
musste sie Abstriche machen. Auch wenn 
sie hinter dem Konzept des einfachen Le-
bens stehe, vermisse sie natürlich manch-
mal den Luxus, gesteht sie ein. Derweil 
aber ist sie zufrieden mit dem, was sie hat: 
„Ganz ehrlich gesagt ist es mir persönlich 
momentan wichtiger, mit der Tante 
Schwammerl suchen zu gehen und der 
Oma bei der kleinen Landwirtschaft zu 
helfen, wo die Tiere noch alle einen Na-
men haben.“ 
Internet: 
Informationen rund um Bildungsförderungen:
tinyurl.com/o428c8f
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an die Autorinnen
irene_mayer@hotmail.com
sonja.fercher@oegb.at 
oder die Redaktion
aw@oegb.at
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stimmten Zeiten und auch noch gut bezahlt: 
Wer träumt nicht davon? 
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