Full text: Nur ned hudeln (8)

Z
eit ist eine der wichtigsten Ressour-
cen, die wir Menschen zur Verfü-
gung haben. Neben der Bezahlung 
sind es daher Fragen der Arbeits-
zeitgestaltung, die uns im gewerkschaft-
lichen Alltag am intensivsten beschäfti-
gen. Quer über alle Branchen haben sich 
die Vertreter von Industrie und Wirt-
schaft ein Patentrezept zurechtgelegt, das 
lautet: Länger arbeiten, mehr Überstun-
den machen, später in Pension gehen, 
noch flexibler werden. Damit den Ar-
beitnehmerInnen dabei nicht die Moti-
vation verloren geht, wird dazu regelmä-
ßig die Keule des Jobverlustes geschwun-
gen. Und wenn trotz allem die verspro-
chene positive Wirkung auf die Unter-
nehmen und die Wirtschaft ausbleibt, 
dann muss nicht das Rezept überdacht, 
sondern die Dosis erhöht werden. 
Absurde Situation
Die Konsequenz dieser Strategie ist, dass 
wir uns in einer absurden Situation wie-
derfinden. Immer mehr Menschen ar-
beiten an ihrem absoluten persönlichen 
Limit und darüber hinaus. Mit immer 
weniger Personal soll ein immer größeres 
Arbeitsvolumen bewältigt werden. Mehr 
als 270 Millionen Überstunden wurden 
allein im Vorjahr in Österreich geleistet. 
Jede fünfte Überstunde bleibt unbezahlt. 
Diesem Überstundenwildwuchs stehen 
aktuell fast 320.000 Menschen gegen-
über, die gar keine Arbeit haben. Aber 
wehe dem, der in dieser Situation auf die 
Idee kommt, etwas an der Verteilung der 
Arbeitszeit verändern zu wollen. Der 
wird von Wirtschaftskammer und In-
dustriellenvereinigung sofort ins Retro-
Eck gestellt und als Bedrohung für die 
Wirtschaft bezeichnet. 
Gefährdung der Wirtschaft
Dabei ist es retro und eine Gefährdung 
für die Wirtschaft, wenn man sein Re-
zept auch dann nicht ändert, wenn es 
nachweislich keinen Erfolg bringt. We-
niger arbeiten und mehr Zeit zum Leben 
zu haben liegt nicht nur im Interesse der 
Einzelnen. Auch die Unternehmen pro-
fitieren davon, wenn die Beschäftigten 
nicht ausschließlich am Limit arbeiten, 
sondern ausgeruht zur Arbeit kommen. 
Permanenter Leistungsdruck und Stress 
verhindern Kreativität und zerstören 
Motivation. Ein solches Arbeitsumfeld 
schadet auch den Unternehmen massiv 
und verursacht Folgekosten, die im kurz-
fristigen Profitdenken nicht mitberück-
sichtigt werden.
Wir brauchen eine neue faire Ver-
teilung der Arbeitszeit und Arbeitszeit-
modelle, die den ArbeitnehmerInnen 
mehr Zeit zum Leben lassen, Zeit für 
Familienleben, Regeneration, Sport 
oder Weiterbildung sowie Teilhabe am 
politischen und kulturellen Leben. 
Männer wie Frauen brauchen mehr 
Zeit, wenn sie kleine Kinder zu Hause 
haben oder eine/n Angehörige/n pfle-
gen, ebenso wollen sie vielleicht gegen 
Ende des Berufslebens langsam weniger 
arbeiten. Dazwischen kann es Phasen 
geben, wo Beruf und Karriere wichtig 
sind und sie gerne viel arbeiten. Aus-
maß und Lage der Arbeitszeit entspre-
chend der jeweiligen Lebensphase 
selbst bestimmen zu können kann 
enorm viel Druck wegnehmen und 
ganz wesentlich zur psychischen und 
physischen Gesundheit beitragen. 
Beschäftigungswachstum
Notwendig ist eine Reduktion von 
Überstunden genauso wie die Verlänge-
rung des Urlaubs und eine generelle Ver-
kürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 
Stunden. Auf Sabbaticals und Auszeiten 
muss ein Rechtsanspruch bestehen. Und 
wir sagen All-in-Verträgen den Kampf 
an. Wenn es gelingt, ein Drittel der 
Überstunden – nämlich jene, die regel-
mäßig anfallen – in mehr Arbeitsplätze 
umzuwandeln, wären das über 50.000 
Vollzeitarbeitsplätze. Eine Verkürzung 
der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden, 
also um 10 Prozent, würde ein Beschäf-
tigungswachstum von rund 100.000 
neuen Jobs bringen. Die Augen vor sol-
chen Argumenten zu verschließen und 
nur an den kurzfristigen Profit zu den-
ken ist nicht nur wirtschafts-, sondern 
auch zukunftsfeindlich – man könnte 
auch sagen retro. 
Mehr Zeit zum Leben
Nicht zuletzt
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rm Wolfgang Katzian 
Vorsitzender der Gewerkschaft der Privatangestellten, 
Druck, Journalismus, Papier
        

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