Full text: Eine Zumutung! (2)

Arbeit&Wirtschaft 2/201634 Schwerpunkt
S
ie ist ja nur ein Feigenblatt: Die 
sogenannte „Flüchtlingskrise“ 
wird von konservativen und neo-
liberalen Kräften zum Anlass ge-
nommen, wieder einmal ganz grundsätz-
lich eine Debatte zur Kürzung von Sozi-
alleistungen zu führen. Dass sich sogar 
prononcierte Christlichsoziale dafür öf-
fentlich hergeben, irritiert einigermaßen. 
Gehört das In-Frage-Stellen eines gesell-
schaftlichen Grundkonsenses nach dem 
Motto „Der Herr gibt’s – der Herr 
nimmt’s“ zu den Ritualen eines Wohl-
fahrtsstaates oder darf man es einfach als 
Zumutung empfinden, dass, anstatt kon-
krete Lösungen für konkrete Probleme 
zu finden, polemische Debatten auf dem 
Rücken von Menschen geführt werden, 
die in unserer Gesellschaft keine oder 
 keine besonders laute Stimme haben? 
„Zivilisierung“
Dazu zunächst etwas Grundsätzliches. 
Was treibt eigentlich eine Gesellschaft 
dazu, sich in Form eines Staates zu orga-
nisieren? Anders gefragt: Ergibt es viel-
leicht auch für die Besitzenden einen 
Sinn, sich einem Sozialstaat zu unterwer-
fen, und kann man bitte aufhören, ihn 
infrage zu stellen? In der Römerzeit be-
schreibt Ovid in seinen Metamorphosen 
das sogenannte goldene Zeitalter, wo al-
le Menschen freiwillig und ohne Gesetz 
richtig lebten (sine lege fidem rectumque 
colebat). Erst später – so stellt es sich Ovid 
vor – benahmen sie sich so wild und un-
gehobelt, dass man eine Rechtsordnung 
schaffen musste, um jenen Regeln zu ge-
ben, die sich nicht von selbst sozial ver-
träglich verhielten. 
Auch die ganz frühen neuzeitlichen 
Staatentheoretiker wie z. B. Thomas Hob-
bes und John Locke im 17. Jahrhundert 
sahen – unter dem Eindruck der Ver-
heerungen des Dreißigjährigen Krieges 
– unter anderem den Schutz des Eigen-
tums als Grund, den sogenannten „Na-
turzustand“ (nämlich das ungeregelte, 
unorganisierte, lose Nebeneinanderle-
ben von Menschen) zu beenden. Einer 
der führenden Vertreter der Aufklä- 
rung, Jean-Jacques Rousseau, schreibt 
im 18. Jahrhundert in seinem „Gesell-
schaftsvertrag“, dass dem „Natur zu-
stand“ ein Gemeinwille gegenübersteht, 
der auf das Wohl aller Menschen ab- 
zielt. Dieser wiederum ist die Grundlage 
der Unterwerfung unter ein politisches 
Staatssystem. 
Auf diesen Gedanken aufbauend 
wurde 1776 von Thomas Jefferson die 
erste Erklärung von Menschenrechten 
verfasst, die das Recht auf Freiheit, aber 
auch das Streben nach Glück (pursuit of 
happiness) beinhaltete. Als gelernte Ös-
terreicherin würde ich annehmen, dass 
ein unantastbares Grundniveau von 
Menschenrechten und ein Recht auf ein 
menschenwürdiges Leben Konsens ist – 
und dass uns das als Gesellschaft teuer 
und wert ist. 
Aber sind das die Werte, auf denen 
die heutige Gesellschaft beruht? Aktuell 
ist eine Diskussion über diese Werte auf-
geflammt – leider recht schlampig und 
populistisch geführt. So kann es viel-
leicht wenig wundernehmen, wenn 
Menschen bei einer ORF-Straßenbefra-
gung als wesentliche Werte unserer Kul-
tur nicht z. B. „Rechtsstaatlichkeit, De-
mokratie, Gleichberechtigung zwischen 
Mann und Frau“ oder Ähnliches nen-
nen – sondern „Trachten“ und „der 
Krampus“. Befremdlich bleibt es. 
Sozialstaat weiterentwickeln
Ich persönlich empfinde es als Zumu-
tung, wenn ich Selbstverständlichkeiten 
wie die völkerrechtlich verbindlichen 
und geistesgeschichtlich nicht gerade 
 taufrischen Menschenrechte oder die 
Grundfrage Sozialstaat ja oder nein dis-
kutieren soll, wenn es eigentlich darum 
gehen sollte, wie und nicht dass wir die 
Arbeitswelt und den Sozialstaat weiter-
entwickeln. 
Lieber wird aber das Bild des faulen 
Menschen reaktiviert, den es zu zivilisie-
ren gelte. Typen wie Charles Bukowskis 
Held Henk Chinaski, den er in seinem 
Roman „Faktotum“ von einer sinnlos 
empfundenen Arbeit zur nächsten zie-
hen lässt: Die mag es vereinzelt geben. 
Mit Gelegenheitsjobs hantelt er sich von 
Vollrausch zu Vollrausch, viel mehr er-
wartet er sich auch nicht vom Leben. 
Für die allermeisten von uns sind gute 
Arbeit, Wertschätzung und Anerken-
nung am Arbeitsplatz und in der Gesell-
schaft aber ganz wichtige Werte. 
Findet das Streben nach Glück – zu 
dem für die meisten von uns eine sinn-
stiftende Arbeit gehört – in unserer Ar-
beitswelt ausreichend Anerkennung? So 
gut wie alle ArbeitnehmerInnen möch-
ten nicht nur irgendeine „Hacken“. Sie 
möchten das, was sie tun, nicht nur 
 monetär belohnt bekommen, sondern 
Soziale Rechte sind kein Gnadenakt 
Vom Bild des faulen Menschen und anderen Zumutungen:  
Man kann das Recht nicht beugen, bis sich die Balken biegen. Ein Kommentar.
Silvia Hruška-Frank
Abteilung Sozialpolitik der AK Wien
        

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