Full text: Bis(s) zum Lebensabend (4)

14 Arbeit&Wirtschaft 4/2016 das Antrittsalter in den letzten Jahren kaum gestiegen ist, gleichzeitig aber die Lebens erwartung in einem überschau- baren Zeitraum um über zehn Jahre ge- stiegen ist, dann hat man eine wesentlich längere Bezugsdauer. Und das ist der Punkt, wo man ansetzen muss. Bartl: Aber das ist ja in den letzten Pen- sionsreformen reingerechnet worden. Griller: Meiner Meinung nach müssen manche Dinge schneller umgesetzt werden. Was genau? Griller: Wenn ich sage, ein System muss irgendwo tragbar sein, dann gibt es einen gewissen Geldbetrag, den ich beischießen kann. Wenn ich den zusätzlich zur Umla- ge umrechne, dann habe ich eine Dauer von sagen wir 15 Jahren, die ich eine Pen- sion im Durchschnitt beziehen kann. Das heißt, das Pensionsantrittsalter muss min- destens bei 65 Jahren liegen. Ich glaube, das Schlaueste wäre immer noch, wenn man in einem regelmäßigen Abstand schauen würde, wie weit die Le bens- erwartung gestiegen ist und wie weit das Antrittsalter angehoben werden muss. Also eine Automatik? Griller: Ja, man muss es ja nicht jedes Jahr machen. Dass aber das Antrittsalter an der tatsächlichen demografischen Entwick- lung aufgehängt ist, wäre schon wichtig. Bartl: Aber das Pensionsantrittsalter an- zuheben bringt sehr wenig, wenn die be- gleitenden Maßnahmen nicht passieren. Zum Beispiel steht im Regierungspro- gramm ein Bonus-Malus-System für Un- ternehmen drin, weil ältere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen einfach das Pro- blem haben, dass sie aus der Firma raus- gehaut werden, wenn sie älter werden. Das faktische Pensionsantrittsalter kann man zum Beispiel mit dem Bonus-Malus- System steigern. Da wehrt sich die Wirt- schaft dagegen. Warum tut sie das? Griller: Ich glaube, dass das ein bisschen eine falsche Perspektive ist, dass es immer die Unternehmer sind, die Leute raushau- en. Es gibt extrem viele Leute in Öster- reich, die in Wahrheit ab ihrem 25. Ge- burtstag schauen, wie lange sie noch brau- chen, bis sie in Pension gehen können. Und die sehr wohl kalkulieren: Gehe ich in Frühpension oder warte ich bis zu mei- nem tatsächlichen Regelpensionsantritts- alter? Bartl: Wenn, dann gehen sie mit hohen Abschlägen. Griller: Ja, aber wenn du ein Malus-Sys- tem hast, dann hat der Arbeitgeber auch noch eine Belastung dadurch, dass je- mand ohnehin in Pension gehen möchte. Die Frage ist: Muss man die Unternehmer dafür bestrafen, dass offensichtlich Be- schäftigung nicht immer bis zum Regel- pensionsantrittsalter funktioniert? Bartl: Ich würde die Gewichtung schon sehr stark auf die Arbeitgeber legen. Es gibt einen sehr starken Anreiz über das normale Regelpensionsalter drüber zu kommen, aber es geht de facto einfach nicht, weil die Beschäftigung nicht da ist und weil es der Gesundheitszustand in manchen Branchen nicht zulässt. Kronberger: Was man bei dieser Debat- te immer vergisst: Was ist mit den Leuten im Alter zwischen 20 und 30, die früher regulär zu arbeiten begonnen haben? Sprich sie haben eine Ausbildung gemacht und sie haben gearbeitet. Jetzt machen sie ein, zwei unbezahlte Praktika, dann ein Volontariat, dann haben sie einen freien Dienstvertrag für ein halbes oder Drei- vierteljahr. Dann wird ihnen ein Werk- vertrag in Aussicht gestellt, und wenn sie Glück haben, kriegen sie nach zwei, drei Jahren eine Anstellung. Eine Studie vom Wissenschaftsministerium zeigt, dass es bei 25 Prozent der Studierenden fünf Jah- re dauert, bis sie in einem unbefristeten Vollzeitarbeitsverhältnis sind, beim Durchschnitt dauert es drei Jahre. Gleich- zeitig wissen wir von der Studierendenso- zialerhebung, dass die Leute durchschnitt- lich bis zum Alter von 27, 28 Jahren stu- dieren. Wenn man jetzt drei bis fünf Jahre Praktika dazurechnet, dann sind die Leute Anfang, Mitte 30, bis sie beginnen können, ordentlich ins System einzuzah- len. Warum redet niemand davon, dass die Jungen am Anfang ihrer Erwerbskar- riere so viele Jahre verlieren? Griller: Das ist ein Problem, das vor al- lem in Dienstleistungsunternehmen auf- taucht. In Industriebetrieben ist das nor- malerweise nicht so. Kronberger: Eben nicht. Und was ist mit den Frauen, die Kinder bekommen, die weniger verdienen und zusätzlich auch die gesamte soziale Last des Staates tragen, wenn es um die Versorgung und Pflegear- beit von Familienangehörigen geht? War- um sollen die jetzt später in Pension gehen? Griller: Das sind zwei verschiedene Sa- chen. Das eine ist, dass die Pension für die geleistete Arbeit ausreichend und fair sein sollte, auch für die Arbeit, die nicht so leicht quantifizierbar ist. Das andere ist die Frage, ob man deswegen forcieren soll- te, dass Frauen früher in Pension gehen. Wo kommt der Grundgedanke dafür her? Kronberger: Das ist der kleinste Aus- gleich, der mir als Frau noch zusteht. Es sind die Frauen, die großteils die Kinder erziehen, die die Alten pflegen und die Nachbarschaftshilfe leisten. Gleichzeitig müssen sie arbeiten gehen, werden dafür diskriminiert, dass sie Teilzeit arbeiten, weil sie Betreuungspflichten haben, und dann sollen sie zusätzlich noch länger ar- beiten? Griller: Wie wäre es, wenn man den Aus- gleich auf einer halbwegs gleichen Ebene führen würde, vor allem im Verhältnis der Gehälter miteinander? Kronberger: Großartig. Sagt ihr bitte Ja zu verpflichtenden, nicht freiwilligen und transparenten Einkommensberichten. Macht es sich die Industrie nicht zu leicht, wenn sie Verschärfungen fordert, aber keinen Beitrag leistet? Griller: Ich verkaufe 95 Prozent meiner Produkte im Ausland, und alle meine Mitbewerber sitzen in anderen Ländern. Ich bin ein Unternehmer, der relativ vie- le Arbeitsplätze in Österreich hält und halten möchte. Nur bei jeder weiteren Belastung des Unternehmens, und wir sind im internationalen Vergleich ziem-

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