Full text: Träum weiter! (6)

39Arbeit&Wirtschaft 6/2016
 Im Jahr 2010 verglichen drei Öko-
nomen der Universität Berkeley die 
Lohn- und Beschäftigungsentwicklung 
in sämtlichen aneinandergrenzenden 
US-Bezirken in unterschiedlichen Bun-
desstaaten mit unterschiedlichen Min-
destlöhnen seit den 1990er-Jahren. Da 
benachbarte Bezirke (Counties) in puncto 
Wirtschaftsstruktur, Bevölkerung etc. 
sehr ähnlich sind, können die Effekte 
unterschiedlicher Mindestlöhne gut ver-
glichen werden. 
 Die Ergebnisse zeigten, dass Mindest-
lohnerhöhungen zwar deutlich positive 
Effekte auf die Einkommen im Niedrig-
lohnbereich haben, aber keinen relevan-
ten Einfluss auf die Anzahl der Beschäf-
tigten. Höhere Mindestlöhne bewirkten 
außerdem, dass sich die durchschnittliche 
Dauer der einzelnen Beschäftigungsver-
hältnisse erhöhte.
Beispiele aus aller Welt
Ähnliche Auswirkungen hatten Mindest-
löhne bzw. deren Erhöhung auch in meh-
reren europäischen Ländern, etwa in Eng-
land, Portugal oder Tschechien. Sogar der 
massive Anstieg des ungarischen Min-
destlohns von 35 auf 55 Prozent des Me-
dianlohns hatte nur sehr geringe negative 
Beschäftigungseffekte, so eine Fallstudie 
aus dem Jahr 2001.
 Der Wirtschaftswissenschafter Simon 
Sturn forscht am Institute for Ecological 
Economics an der WU Wien und listet 
in seinem A&W-Blog-Beitrag gleich 
mehrere derartige Beispiele auf. Dass sich 
der Mythos „Mindestlöhne kosten Ar-
beitsplätze“ so hartnäckig hält, führt er 
darauf zurück, dass lange Zeit hindurch 
bevorzugt Studien veröffentlicht wurden, 
die – ganz im Sinne der neoklassischen 
Theorie – die erwarteten negativen Be-
schäftigungseffekte bewiesen. „Wäre die-
ser Mythos tatsächlich Realität, dann 
müsste ja überall dort die Wirtschaft flo-
rieren, wo es keine Mindeststandards gibt“, 
argumentiert Martin Müller. „Aber ich 
kenne kein Beispiel dafür. Ein ausufern-
der Niedriglohnsektor bringt das Wirt-
schaftsgefüge ins Wanken, die Folge sind 
soziale Verwerfungen.“ 
Wie viel ist genug?
An sich gibt es derzeit in jedem der 28 
EU-Mitgliedstaaten verbindliche Lohn-
untergrenzen, die nicht unterschritten 
werden dürfen. In 21 davon gibt es all-
gemeine gesetzliche Regelungen. In Ös-
terreich wiederum liegt dies in den Hän-
den der Sozialpartner. Hierzulande sind 
mehr als 95 Prozent der Arbeitsverhält-
nisse durch Branchen-Kollektivverträge 
geregelt.
 Selbst wenn vielleicht Einigkeit über 
die Sinnhaftigkeit des Mindestlohns 
herrscht, lässt sich dann über dessen Hö-
he noch lange diskutieren. Die aktuelle 
Forderung des ÖGB liegt bei 1.700 Euro 
brutto. Das Meinungsforschungsinstitut 
IFES hat für die Gewerkschaft auf Basis 
des Arbeitsklima Index der AK Oberös-
terreich ausgewertet, wer von einer ent-
sprechenden Anhebung der Kollektivver-
träge am stärksten profitieren würde. 
 Die Ergebnisse sind wenig erstaun-
lich: Fast jede vierte Frau, rund 50 Pro-
zent der Beschäftigten unter 25 und etwa 
20 Prozent der Menschen mit Migrati-
onshintergrund liegen derzeit unter die-
ser Grenze. Martin Müller: „Aber auch 
in manchen Branchen mit geringem Or-
ganisationsgrad gibt es Beschäftigte mit 
einem Vollzeit-Monatseinkommen von 
rund 1.000 Euro.“
Novelle gegen Dumping
Mindestlöhne bzw. deren Höhe sind auch 
ein vieldiskutiertes Thema bei öffentli-
chen Aufträgen. Mit der 2016 in Kraft 
getretenen Bundesvergabegesetz-Novelle 
kann Lohn- und Sozialdumping verhin-
dert werden, unter anderem indem die 
Weitergabe von Aufträgen an Subunter-
nehmer unterbunden werden kann. Ähn-
liche Regelungen gelten übrigens auch 
im neuen EU-Vergaberecht. Hier können 
ebenfalls öffentliche AuftraggeberInnen 
vorschreiben, dass bestimmte Leistungs-
teile (sog. Kernleistungen) selbst erbracht 
werden müssen und nicht an Subunter-
nehmen ausgelagert werden können. 
Blog-Tipp 
Erhöhen Mindestlöhne die Arbeitslosigkeit?: 
tinyurl.com/j6t7spy
Studie zu Mindestlöhnen:
tinyurl.com/ztd28jq
Arindrajit Dube, T. William Lester, Michael Reich 
(2010): Minimum Wage Effects Across State 
Borders: Estimates Using Contiguous Counties, 
IRLE Working Paper No. 157-07:
tinyurl.com/2665wg4
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oder die Redaktion
aw@oegb.at
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8,50 Euro: Auf diesen Betrag hat man sich in 
Deutschland beim Mindestlohn geeinigt. Dass 
ein Mindestlohn grundsätzlich der Wirtschaft 
schade, ist ein Mythos. Für die Beschäftigten 
hat er positive Effekte.
        

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