Full text: Träum weiter! (6)

sitze, von denen die gleichsam automa-
tische Erhaltung des Gleichgewichtszu-
standes auf einem Niveau der Vollbe-
schäftigung erwartet werden dürfe. …
Keynes hat … dem Fatalismus, mit dem 
die westliche Welt dem Wüten der Wirt-
schaftskrisen zu begegnen pflegte, einen 
tödlichen Schlag versetzt. Nach dem Er-
scheinen der „Allgemeinen Theorie der 
Beschäftigung“ 1936 war die bis dahin 
geltende Auffassung von der wirtschafts-
politischen Abstinenz des Staates nicht 
mehr hoffähig. … (Dabei ist der) Grund-
satz ausgesprochen, dass der Schwer-
punkt der staatlichen Beschäftigungspo-
litik nicht auf dem Gebiet der öffentli-
chen Kredit- und Geldpolitik zu suchen 
sei, sondern in das Gebiet einer zielbe-
wussten Budget- und Steuerpolitik ver-
legt werden müsse.
Eduard März schrieb seine Aufsätze, als das 
„Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit sich 
gerade erst zu regen begann und der Sozial-
staat in Mode war. Die neoliberale Entwicklung 
ab den 1980er-Jahren mit ihrem Ziel, den Staat 
den Marktinteressen unterzuordnen, konnte er 
nicht voraussehen. Aber er erkannte schon oh-
ne jeden Zweifel, dass die Reichen und Mäch-
tigen den Eingriff des Staates in den Markt 
nur zähneknirschend dulden würden, und er 
forderte Wachsamkeit.
Die Bourgeoisie findet sich mit dem 
Keynesianismus in einer Stimmung der 
Resignation ab. … (H)üten wir uns da-
vor, die gewaltige Kraft der amerikani-
Eduard März von der wirtschaftswissenschaft-
lichen Abteilung der AK Wien veröffentlichte 
1959 eine Aufsatzsammlung zu den damals 
aktuellen Positionen der Wirtschaftswissen-
schaften und deren politischer Konsequenz – die 
Artikel waren zuerst zwischen 1956 und 1958 
in der Arbeit&Wirtschaft erschienen. März 
arbeitete dabei auch heraus, welchen Bruch 
die Analysen von John Maynard Keynes mit den 
traditionellen Positionen der wissenschaftlichen 
„Orthodoxie“ bedeuteten, und zeigte die ne-
gativen Konsequenzen des Glaubens an die 
Selbstregulierungskräfte des Marktes auf, wie 
sie in der Weltwirtschaftskrise der 1930er-
Jahre deutlich sichtbar geworden waren.
Zu Beginn der großen Wirtschaftskrise 
der dreißiger Jahre standen noch die 
meisten zünftigen Nationalökonomen – 
insbesondere in der anglosächsischen 
Welt – unter dem Eindruck einer … 
„passiven“ wirtschaftspolitischen Philo-
sophie. … Einer solchen Auffassung ent-
sprach auch die Haltung der meisten 
konservativen Regierungen …, die jede 
aktive Maßnahme zur Behebung der Ar-
beitslosigkeit ablehnten, mit der Begrün-
dung, dass dies die regenerativen Kräfte 
unterbinden müsste. Aber als die Krise 
unvermindert fortdauerte, begann man 
sich … mit (den) großen Fragenkomple-
xen zu beschäftigen, für die die Ereig-
nisse damals so großes Anschauungsma-
terial lieferten. … Die keynessche Ana-
lyse der kapitalistischen Wirtschaftsord-
nung führte … zu dem Schluss, dass das 
bestehende System keine wirklich wirk-
samen selbstkorrigierenden Kräfte be-
Keine selbstkorrigierenden Kräfte
1959 warnte der Wirtschaftswissenschafter und Arbeiterkammer-Experte Eduard 
März vor der Möglichkeit eines neuen Turbokapitalismus.
schen, englischen und deutschen Kapi-
talistenklasse zu unterschätzen, die kei-
neswegs gesonnen ist, ihre sozialen Pri-
vilegien auf dem Altar der reinen Demo-
kratie kampflos hinzugeben.
Ausgewählt und kommentiert 
von Brigitte Pellar 
brigitte.pellar@aon.at
Eduard März musste 1938 vor dem NS-Terror 
fliehen. Er studierte in den USA, wo er auch 
für die Propaganda gegen Hitler-Deutschland 
arbeitete. 1953 kehrte er nach Wien zurück 
und leitete 1957 bis 1973 die wirtschaftswis-
senschaftliche Abteilung der AK Wien.
4 Arbeit&Wirtschaft 6/2016
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