Full text: Träum weiter! (6)

40 Arbeit&Wirtschaft 6/2016
Mit Dogmen gegen Fortschritt
Man könnte auch aus neoliberaler Sicht für eine Arbeitszeitverkürzung oder eine 
Wertschöpfungsabgabe argumentieren. Ein Kommentar von Sepp Zuckerstätter.
D
ie letzten dreieinhalb Jahrzehnte 
waren gekennzeichnet von einer 
Dominanz neoliberaler Wirt-
schafts- und Gesellschaftspolitik. 
Wie viele lange dominante Denkrich-
tungen ist inzwischen auch der Neolibe-
ralismus zum Dogma, also zum reinen 
Glaubenssatz, verkommen. 
Stures Festhalten
Inzwischen ignorieren die Neoliberalen 
wie dereinst die Kommunisten Fakten, 
die nicht in ihr Weltbild passen. Sie ver-
nachlässigen ihre eigenen logischen 
Grundprinzipien, wenn diese ihren Gön-
nerInnen nicht ins politische Konzept 
passen. Und vor allem verhindern sie 
durch stures Festhalten an veralteten The-
orien viele sinnvolle Reformen. Dieser 
Beitrag zeigt die Krisenerscheinungen des 
neoliberalen Denkens und seine Auswir-
kungen an einigen aktuellen Beispielen. 
Als im Frühjahr des vergangenen 
Jahres die Gewerkschaften die Frage 
nach einer Arbeitszeitverkürzung neu 
stellten, kam eine reflexartige Ableh-
nung von Teilen der ÖVP sowie der In-
dustrievertreterInnen. Diese Ablehnung 
war zwar reich an starken Worten wie 
„Mottenkiste“ und „Uraltkonzepte“, je-
doch arm an Fakten. Wenn überhaupt, 
dann wurde auf Frankreich verwiesen, 
was ganz eigenwillig ist, denn in der 
Phase der Arbeitszeitverkürzung zwi-
schen 1997 und 2002 wuchsen Beschäf-
tigung und Wirtschaft in Frankreich 
stärker als in Deutschland und in vielen 
anderen europäischen Staaten. Von da-
her ist die 35-Stunden-Woche in Frank-
reich eine Erfolgsgeschichte für die 
Arbeitszeitverkürzung.
Doch wenn es um neoliberalen 
Glauben geht, dann zählen Fakten nur, 
solange sie die eigenen Vorurteile bestä-
tigen. Dass Interessenvertretungen von 
Unternehmen fortschrittliche Forde-
rungen ablehnen, ist normal. Interes-
sant für die Entwicklung des Neolibera-
lismus zur reinen Ideologie ist aber, dass 
sie sich dabei nicht die Mühe machen, 
Aussagen aus ihrer theoretischen Sicht 
zu begründen. 
Aus rein neoliberaler Sicht sollte 
nämlich das Problem der Arbeitszeitver-
kürzung zunächst gar nicht existieren. 
In dieser theoretischen Welt einigt sich 
jeder und jede mit dem Arbeitgeber auf 
so viele Stunden pro Woche, wie es den 
beiden passt. Denn laut neoliberaler 
Weltsicht sind die VertragspartnerInnen 
gleichberechtigt und können immer ei-
nen guten Kompromiss finden. 
Wunsch nach mehr Freizeit
Fragt man allerdings echte Menschen, 
wie viele Stunden sie gerne arbeiten 
würden, und zugleich auch, wie viel sie 
tatsächlich arbeiten, so sieht man, dass 
ein Drittel bis zur Hälfte der Erwerbstä-
tigen mit den derzeitigen Arbeitszeiten 
unzufrieden ist. Manche würden lieber 
länger, noch mehr lieber kürzer arbei-
ten, und zwar auch dann, wenn es dafür 
keinen vollen Lohnausgleich gäbe. So-
gar selbstständig Beschäftigte klagen über 
zu lange Arbeitszeiten.
Im richtigen Leben sind nämlich Ar-
beitgeber und ArbeitnehmerInnen nicht 
gleichberechtigt, ebenso wenig wie gro-
ße AuftraggeberInnen und kleine Selbst-
ständige. Arbeitgeber und Auftraggeber 
haben die Macht, ihre Bedingungen 
durchzusetzen. So nutzen die Arbeitge-
ber ihre Macht, indem sie bei jedem 
Wunsch nach Veränderung oder Ver-
kürzung der Arbeitszeit mit Kündigung 
oder Verlagerung ins Ausland drohen. 
Damit blockieren sie aber auch jegliche 
Innovationen in der Arbeitszeitpolitik.
Mit geringem Aufwand viel erreichen
Bei der Neugestaltung der Arbeitszeiten 
könnte man jedoch mit geringem Auf-
wand viel erreichen. So zeigt sich, dass 
gerade Menschen mit gut bezahlten, 
langen Arbeitszeiten den Wunsch ha-
ben, kürzer zu arbeiten. Um den stetig 
zunehmenden Druck bei der Arbeit aus- 
und die längere Zeit bis zur Pension 
durchhalten zu können, wünschen sich 
viele Menschen mehr Freizeit bereits 
während des aktiven Arbeitslebens. Die-
se unfreiwillig zu viel gearbeiteten Stun-
den könnten von jüngeren Arbeitssu-
chenden, aber auch von Teilzeitbeschäf-
tigten, die lieber mehr arbeiten wollen, 
übernommen werden. 
Denn kaum ein Job wird je eins zu 
eins nachbesetzt. Immer wenn jemand 
eingestellt wird, werden auch Arbeiten 
neu verteilt. Dabei ergeben sich Mög-
lichkeiten der Neuverteilung von Ar-
beitsstunden. So kann man Aufgaben 
der Senior-Konstrukteurin den Junior-
ingenieuren übertragen, die Junioringe-
nieure bekommen im Gegenzug einen 
Sepp Zuckerstätter
Abteilung für Lohn- und Einkommensentwick-
lung, Lohnstruktur, Arbeitsmarkt der AK Wien
        

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