Full text: Passend gemacht (7)

29Arbeit&Wirtschaft 7/2016
©
 G
er
ha
rd
 D
eu
ts
ch
/K
UR
IE
R/
pi
ct
ur
ed
es
k.
co
m
bracht hat, oder das neue, modular auf-
gebaute Jugendcollege in Wien weisen 
hier zwar in die richtige Richtung. Glei-
ches gilt beispielsweise auch für den 
Qualifikationspass von AMS und WAFF 
in Wien, der sowohl formal wie nonfor-
mal erworbene Kompetenzen dokumen-
tiert und mit entsprechenden Fortbil-
dungsempfehlungen und Fördermaß-
nahmen verknüpft. 
All das ändert freilich nichts daran, 
dass im Grunde ein Systemwandel auf 
Bundesebene nötig wäre. So meint etwa 
der Integrationsexperte August Gächter, 
dass für jeden zweiten Flüchtling eine 
Lehre attraktiv sein würde. Hier müsste 
allerdings das duale/berufliche Ausbil-
dungssystem inklusive der Frage der 
Lehrlingsentschädigung/Entlohnung für 
eine erwachsene Zielgruppe völlig neu 
organisiert werden. Neben Flüchtlingen 
könnten und sollten davon natürlich 
auch andere formal geringfügig qualifi-
zierte Personen profitieren. 
Keine Einbahnstraßen schaffen
Welchen Effekt auf den Arbeitsmarkt die-
se Höherqualifikation insgesamt haben 
würde, ist demgegenüber umstritten: 
Sinkt die Arbeitslosigkeit tatsächlich 
durch die angenommene Behebung eines 
Fachkräftemangels? Oder kommt es nur 
zu neuen Verdrängungsprozessen? Wich-
tig wäre daher, bei Qualifizierungsmaß-
nahmen auf die Stärkung allgemeiner 
Kompetenzen zu fokussieren und keine 
Einbahnstraßen zu schaffen, die sich le-
diglich an kurzfristigen (ggf. auch kurz-
sichtigen) Erfordernissen der Betriebe 
orientieren. 
Ein problematischer Aspekt an der 
Diskussion „Arbeit durch Qualifikati-
on“ ist darüber hinaus, dass oft den Be-
troffenen selbst die alleinige Verantwor-
tung für ihre angebliche „Bildungsfer-
ne“ bzw. Arbeitslosigkeit zugeschrieben 
wird. Genau an diesem Punkt setzen 
neoliberale IdeologInnen sowie konser-
vative und rechtspopulistische Politike-
rInnen generell an. Im Fokus stehen 
dabei momentan geflüchtete Personen. 
Neoliberales Zündeln 
Bereits im Jänner haben einige IWF- 
Experten zeitlich befristete Ausnahmen 
bei Mindestlöhnen für Flüchtlinge vor-
schlagen. Bernhard Achitz, Leitender 
 Sekretär des ÖGB, bezeichnet das klar 
und deutlich als neoliberalen Blödsinn: 
zuerst für Flüchtlinge, dann für Langzeit-
arbeitslose, am Ende sei das System „völ-
lig durchlöchert“. Solche Vorschläge sei-
en, so Achitz, zudem „Gift“ für die De-
batte. 
Für die AK Oberösterreich liegt auch 
die Kürzung der Mindestsicherung ge-
nau in diesem Trend, nämlich über das 
Zündeln mit dem Flüchtlingsthema all-
gemeingültige, soziale Rechte zu be-
schneiden: „Es kann nicht sein, dass im-
mer zulasten der Armen und Ärmsten 
gekürzt wird“, kommentierte der ober-
österreichische AK-Präsident Johann 
Kalliauer den Beschluss der ÖVP/FPÖ-
Landesregierung. Und in den u. a. von 
Heinz-Christian Strache und Sebastian 
Kurz geforderten Ein-Euro-Jobs für 
Flüchtlinge sieht ÖGB-Präsident Erich 
Foglar zu Recht drohendes Lohn- und 
Sozialdumping. 
Auch wenn somit Verdrängungspro-
zesse am Arbeitsmarkt momentan kon-
kret vor allem Menschen mit Migrati-
onshintergrund betreffen, ist die steigen-
de Arbeitslosigkeit eine Belastung für die 
Gesellschaft. Das gilt sowohl für die Be-
troffenen wie für die Sozialsysteme. Über 
den eigentlichen Hintergrund des Ge-
samtproblems berichtete demgegenüber 
die konservative Tageszeitung „Die Pres-
se“ nüchtern: Das Arbeitsvolumen ist, 
gemessen an der Arbeitszeit, seit Ein-
bruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 
um fast fünf Prozent zurückgegangen. 
Von 7,1 Milliarden Stunden (2008) fiel 
es auf inzwischen 6,761 Milliarden 
(2015) und liegt damit unter dem Ni-
veau von 2004. 
Neue Arbeit schaffen
Es gilt also neue Arbeit zu schaffen bzw. 
die vorhandene Arbeit sinnvoll zu vertei-
len. Die Themen liegen dabei auf der 
Hand: etwa Kritik am – für die öffentli-
chen Investitionen fatalen – Korsett der 
EU-Budgetvorgaben. Oder die Forde-
rung nach der allgemeinen Verkürzung 
der Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Per-
sonalausgleich.
 
Verdrängungsprozesse  
am österreichischen Arbeitsmarkt:
tinyurl.com/gwxzu92 
Schreiben Sie Ihre Meinung 
an den Autor
johnevers@gmx.net
oder die Redaktion
aw@oegb.at
Wer einen Migrationshintergrund hat, ist deut-
lich häufiger arbeitslos als Menschen ohne – 
ein Phänomen, das die Krise noch verschärft 
hat. Das liegt aber nicht etwa an kulturellen 
 Unterschieden, vielmehr  arbeiten mehr Mig-
rantInnen im Niedriglohnsektor und dieser ist 
 Konjunktur schwankungen stärker ausgesetzt.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.