Full text: Passend gemacht (7)

5Arbeit&Wirtschaft 7/2016
 
Das gemeinsame  
Boot ist leck 
W
em Fakten wichtiger sind als dif-
fuse und emotionale Debatten, 
der oder die wird im Moment in 
der Debatte über Integration auf 
eine sehr harte Probe gestellt. Da wird be-
hauptet, MigrantInnen würden den Ein-
heimischen die Arbeitsplätze wegnehmen, 
zugleich aber wird beklagt, dass sie nicht 
arbeitswillig seien. Da wird hitzig über den 
Burkini gestritten, obwohl sich die Diskus-
sion selbst in Frankreich als populistische 
heiße Luft entpuppt hat. Da wird die Ein-
haltung von Werten verlangt, ohne dass 
genau definiert wird, welche damit nun 
konkret gemeint sind – ganz zu schweigen 
davon, ob die „einheimische Bevölkerung“ 
sie denn nun so uneingeschränkt teilt, wie 
gerne suggeriert wird. 
Fokus verlagern
Über Integration kann wohl deshalb so lei-
denschaftlich diskutiert werden, weil es 
keine einheitliche Vorstellung davon gibt, 
was der Begriff denn nun eigentlich bedeu-
tet. So kann jede/r alles hineinprojizieren. 
Zugleich aber läuft man Gefahr, sich in 
Nebenschauplätzen zu verlieren, wie man 
im Moment nur allzu deutlich sehen kann 
– was wiederum Gift für die Integration 
ist. Dabei gibt es allein beim Thema „In-
tegration und Arbeitsmarkt“ eine Fülle an 
Informationen und offenen Fragen, über 
die zu diskutieren sehr lohnenswert wäre 
– und wovon nebenbei bemerkt sogar alle 
ArbeitnehmerInnen profitieren würden. 
Natürlich ist das in gewisser Weise auch 
unangenehm, denn ein Fazit aus den Re-
cherchen für dieses Heft lautet: Vorurteile 
und Diskriminierungen behindern die 
 Integration am Arbeitsmarkt. Doch weil 
genau dies hierzulande Tabuthemen sind, 
sind die Nebenschauplätze wohl so reizvoll, 
da sie keine Selbstkritik voraussetzen. 
Diese Selbstkritik aber ist notwendig. 
Schließlich ist es schlichtweg inakzepta-
bel, dass Menschen in Österreich deutlich 
mehr von Arbeitslosigkeit betroffen sind, 
deutlich öfter Berufe ausüben, für die sie 
überqualifiziert sind, deutlich häufiger gar 
nicht erst zu einem Vorstellungsgespräch 
eingeladen werden als andere – und zwar 
einzig und allein, weil sie Migrationshin-
tergrund haben. Der Soziologe August 
Gächter schildert in einem Aufsatz ein 
sehr aufschlussreiches Beispiel: Laut 
Grundrechteagentur sind Frauen mit tür-
kischem Migrationshintergrund sogar un-
abhängig von ihrer Bekleidung von Ab-
lehnung am Arbeitsmarkt betroffen. Die 
Argumente der Arbeitgeber: der angeb-
liche Kinderreichtum oder aber dass bei 
ihnen die Familie vorgehe. Gächter weist 
darauf hin, dass sich Ersteres statistisch 
nicht belegen lasse, während für Zweiteres 
ein unzureichendes Angebot an Kinder-
betreuungseinrichtungen verantwortlich 
sein könnte. 
Diese Beispiele scheinen mir deshalb 
so passend, weil sie zeigen, wie sehr alle 
profitieren würden, wenn entsprechende 
Maßnahmen gesetzt werden: Ein Ausbau 
der Kinderbetreuung würde schließlich 
auch Frauen ohne Migrationshintergrund 
das (Arbeits-)Leben erleichtern. Schließ-
lich bedeutet keinen Migrationshinter-
grund zu haben nicht automatisch, dass 
man Familie in der Nähe hat, die helfend 
einspringen könnte. Auch von familien-
freundlichen Arbeitsplätzen würden alle 
profitieren. Und ob Mann oder Frau, ob 
mit oder ohne Migrationshintergrund: Es 
ist ein Problem, wenn er oder sie nicht 
entsprechend seiner oder ihrer Ausbil-
dung beschäftigt ist. 
Mehr Ehrlichkeit und Selbstkritik
Aber warum fällt es in Österreich so schwer, 
über Vorurteile und Diskriminierungen zu 
sprechen? August Gächter hat dafür eine 
schlüssige Erklärung: Diskriminierer und 
Diskriminierte sitzen insofern in einem 
Boot, als sich die einen nicht als Täter und 
die anderen nicht als Opfer sehen möch-
ten. Beides ist nur allzu nachvollziehbar, 
schon gar wenn damit eine Schmähung 
verbunden ist. Ein Anfang wäre, wenn man 
akzeptieren würde, dass leider jeder Mensch 
Vorurteile hat. Dann nämlich könnte man 
diese aufarbeiten und dem entgegenwir-
ken. Mehr Ehrlichkeit und Selbstkritik 
 also, die auch der ganzen Diskussion über 
Integration guttun würde, vor allem aber 
den Chancen der hier lebenden Menschen. 
Standpunkt
Sonja Fercher
Chefin vom Dienst
Arbeit&Wirtschaft
        

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