Full text: Passend gemacht (7)

Arbeit&Wirtschaft 4/2016
Integration: 
Ein Begriff mit großer Projektionsfläche.
Er ist wohl einer der Begriffe, die in der 
innenpolitischen Debatte mit Worten wie Notstand 
oder Briefwahl um den ersten Platz rittern: 
Integration. Doch so oft er auch verwendet wird, so 
unklar bleibt meistens, was denn die jeweilige Person, 
die das Wort in den Mund nimmt, nun eigentlich 
genau darunter versteht. Der deutsche Wissenschafter 
Mark Terkessidis hält fest, dass natürlich bestimmte 
Vorstellungen damit transportiert werden: 
„Tatsächlich trägt der Begriff immer noch schwer  
am Erbe des Provisoriums. Denn noch heute werden 
die Personen mit Migrationshintergrund als eine 
Sondergruppe der Gesellschaft betrachtet, die an die 
herrschenden Standards herangeführt werden muss.“ 
Welche Standards da denn nun dazugehören, wird 
von den verschiedenen innenpolitischen AkteurInnen 
denn auch unterschiedlich interpretiert. Die einen 
meinen, dass es reichen muss, wenn MigrantInnen 
sich im öffentlichen Raum inklusive Arbeitsplatz  
an die allgemeinen Regeln halten, während das,  
was innerhalb ihrer vier Wände passiert, die 
Allgemeinheit nur dann etwas angeht, wenn etwas 
strafrechtlich Relevantes geschieht. Andere wiederum 
haben ganze Kataloge an Werten und Prinzipien, 
Gleichbehandlung der Frauen rangiert hier meist an 
vorderster Stelle, gefolgt von Menschenrechten, 
Rechtsstaat, Trennung von Kirche und Staat oder gar 
völliger Säkularisierung. Soweit zwei Pole in der 
Debatte. 
Was in diesen Haltungen enthalten ist, ist eine 
Zweiteilung der Gesellschaft, wie sie von vielen 
 ExpertInnen kritisiert wird: Es wird ein homogenes 
„Wir“ der Aufnahmegesellschaft konstruiert, dem 
eine ebenso konstruierte homogene Gruppe der 
„anderen“ gegenübersteht. Die „anderen“ seien in 
dieser Logik dazu aufgerufen, sich dem „Wir“ 
anzupassen. Abgesehen davon, dass beide Gruppen 
bei Weitem nicht so homogen sind, wie diese 
Vorstellungen suggerieren: In dieser Zweiteilung  
ist eine Hierarchie enthalten, Konflikte sind 
vorprogrammiert, wenn die „anderen“ sich  
dem „Wir“ dann doch nicht beugen wollen.  
Eine alternative Sichtweise lautet, dass Integration  
ein vielfältiger Prozess ist, den sehr unterschiedliche 
AkteurInnen auf Augenhöhe miteinander 
ausverhandeln. Die Literatur zum Thema ist 
inzwischen geradezu unübersichtlich. Spannende 
Einblicke gewähren diese Werke: 
Andreas Weigl „Migration und Integration“ 
Mark Terkessidis „Interkultur“
Hilal Sezgin (Hg.) „Manifest der Vielen“.
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