15Arbeit&Wirtschaft 8/2016
die auf der Donauinsel, auf Bahnhöfen, in 
Abrisshäusern oder Wiener Parks nächti-
gen, ist höher. Überholt ist das Bild vom 
Obdachlosen mit Rauschebart und Bierdo-
se in der Hand. In Betreuungseinrichtun-
gen wie dem Haus JUCA in Wien ist das 
Durchschnittsalter von 27 Jahren auf 21 
Jahre gesunken. Um Kontakt zu wohnungs-
losen Menschen zu knüpfen, braucht es in-
tensive Beziehungsarbeit, weiß Susanne 
 Peter von der Wiener Notschlafstelle Gruft. 
Ein Klient war 25 Jahre obdachlos, näch-
tigte in einem öffentlichen Klo auf der Do-
nauinsel. Drei Jahre lang bekam sie ihn 
nicht zu Gesicht. „Wir haben durch die 
Klotür miteinander geredet. Kleidung oder 
Nahrung wollte er nicht annehmen.“ Dann 
trafen sie einander persönlich. Er ließ sich 
Dokumente ausstellen, beantragte Min-
destsicherung. Heute lebt der Mann in 
 einer Wohnung.
Beziehungsarbeit auf der Straße
Susanne Peter und ihr Streetwork-Team 
sind im Sommer dreimal pro Woche 
abends unterwegs, dazu kommen zwei Tag-
dienste auf der Mariahilfer Straße. Im Win-
ter sind sie jeden Tag unterwegs. Sie laden 
obdachlose Menschen in die „Gruft“ ein, 
verteilen Schlafsäcke und helfen den Men-
schen, ihre Ansprüche zu erheben. „Ich 
weiß nie, was kommt, muss mich immer 
neu einstellen“, beschreibt Susanne Peter 
den Reiz der Streetwork, eines Jobs, den 
sie seit fast drei Jahrzehnten ausübt. Auch 
sie lassen die Schicksale der KlientInnen 
nicht kalt. Die Arbeit nimmt sie aber nicht 
mit nach Hause. 
Wie bei der VinziRast werden in der 
„Gruft“ Teamklima und Supervision 
hochgehalten. „Der Austausch unterein-
ander hilft ungemein“, so Peter. Das 
Wichtigste sei, den Draht zu den Klien-
tInnen zu finden, mit ihnen arbeiten zu 
können und zu wollen. Die Klientel hat 
sich verändert. Früher waren obdachlose 
Menschen in Gruppen unterwegs, heute 
sind viele Einzelgänger. Zur Verständi-
gung mit Menschen, die wenig bis gar 
kein Deutsch können, hat die „Gruft“ 50 
Freiwillige aufgestellt, die über das Telefon 
in 23 Sprachen dolmetschen und so zur 
Beziehungsarbeit beitragen. Wichtig ist 
für Peter die Tatsache, dass Obdachlosig-
keit vorurteilsfrei betrachtet werden sollte: 
„Es kann wirklich jeden treffen.“
Für MitarbeiterInnen in der Woh-
nungslosen- und in der Suchthilfe gelten 
mehrere Kollektivverträge. Ein Großteil 
der Beschäftigten fällt unter den „Sozial-
wirtschaft-Österreich-KV (SÖ-K)“. Der 
SÖ-K gilt für 90.000 Beschäftigte sowie 
über die Satzung für weitere 60.000 Arbei-
tende. Es ging um Vereinheitlichung: „Die 
Lohn- und Gehaltsniveaus waren in den 
Bundesländern sehr unterschiedlich. Jetzt 
gibt es ein einheitliches Niveau“, betont 
Verhandlerin Eva Scherz von der GPA-
djp. Einzig Vorarlberg hat einen Sonder-
status. Beinahe der ganze private Gesund-
heits- und Sozialbereich ist abgedeckt. 
Gerade in Obdachloseneinrichtungen mit 
Tageszentren und Notschlafstellen gebe es 
meist fixe Arbeitszeiten sowie viele Voll-
zeitstellen. Zu den Errungenschaften zählt 
Scherz die Arbeitszeitverkürzung auf eine 
38-Stunden-Woche, die volle Anrechnung 
von Karenzzeiten sowie die jährlichen 
Lohn- und Gehaltserhöhungen über der 
Inflationsgrenze. Dennoch gebe es noch 
viel zu tun: „Es braucht ausreichend Mit-
tel für Randgruppen“, so Scherzer. Zudem 
sei eine Arbeitszeitverkürzung auf 35 
Stunden sinnvoll. „Wir haben einen sehr 
hohen Teilzeitanteil, der Kollektivvertrag 
sollte ein Abbild der Realität sein“, so 
Scherz. 
Von der „Gruft“ im 6. Wiener Ge-
meindebezirk in die Innenstadt: Die am-
bulante Suchthilfeeinrichtung „Verein Di-
alog“ bietet psychosoziale und medizini-
sche Betreuung für Menschen, die ein 
Suchtproblem haben, sowie deren Ange-
hörige. Die Herausforderungen liegen für 
Martin Weber, stellvertretender Geschäfts-
führer des Vereins, klar auf der Hand: 
„Wir arbeiten mit einer stigmatisierten 
und diskriminierten KlientInnengruppe, 
die manchmal nicht einfach ist und hefti-
ge Geschichten erlebt hat.“ Trotz seiner 
Führungstätigkeit berät er weiterhin Kli-
entInnen. „Es ist wichtig, dass wir weiter-
hin praxisnah arbeiten, um nicht den 
Blick für das Wesentliche zu verlieren.“ 
Wie in der Obdachlosenhilfe stehen regel-
mäßig Supervision, Selbstreflexion und 
wöchentliche Teamsitzungen am Pro-
gramm. 1999 wechselte der Arbeitsmarkt-
trainer in den Sozialbereich. Seit Martin 
Webers Einstieg hat sich viel verändert: 
Die Zahl der HeroinkonsumentInnen 
sinkt, dafür steigt die Zahl derjenigen, die 
regelmäßig Cannabis oder chemische Sub-
stanzen konsumieren. Eine vollständige 
Abstinenz ist nicht immer das erklärte 
Ziel: „Wichtig ist es, die Lebensqualität 
der KlientInnen zu verbessern. Es gilt, von 
den jeweiligen Ressourcen auszugehen“, 
so Martin Weber.
Vormittags und nachmittags sind je-
weils zwei MitarbeiterInnen als Suchthilfe 
am Praterstern unterwegs. Sie sprechen 
mit obdachlosen Menschen oder Drogen-
süchtigen und verweisen auf Hilfsangebo-
te oder Notschlafstellen. „Einige Men-
schen sind nicht mehr in der Lage, zu 
Ämtern zu gehen. Wir begleiten sie“, er-
klärt Hannes Schindler, Bereichsleiter von 
Mobile Soziale Arbeit. Es sei oft schwierig, 
zwischen verängstigten BürgerInnen und 
marginalisierten Menschen zu vermitteln. 
Marginalisiert sind Menschen am gesell-
schaftlichen Rand. „Man braucht ein ho-
hes Maß an Empathie, an professioneller 
Ausbildung im psychosozialen Bereich.“ 
Viele MitarbeiterInnen haben Zusatzaus-
bildungen im Konfliktmanagement.
Zielscheibe bei Konflikten
Zurück in der VinziRast-Notschlafstelle in 
Wien Meidling. Auch die MitarbeiterInnen 
hier sind geschult auf Konfliktmanage-
ment. Denn nicht jeder versteht, dass der 
Platz begrenzt ist. Manchmal werden die 
HelferInnen auch verbal attackiert. „Ich 
habe am Anfang gedacht, es liegt an mir“, 
sagt Margriet Reijntjes. Sie hat 40 Jahre lang 
als Krankenschwester gearbeitet und ist seit 
vier Jahren bei der VinziRast. Nachtdiens-
te ist sie gewohnt, schwieriger war es zu ak-
zeptieren, dass Beschimpfungen nicht ge-
gen sie persönlich gerichtet, sondern Aus-
druck der Verzweiflung sind. „Wir sind die 
Zielscheibe in dem Moment.“ Ein regelmä-
ßiger Ausgleich ist ihr wichtig: „Ich gehe 
dann stundenlang in die Natur.“ Dankbar-
keit dürfe von den Betreuten keine erwartet 
werden. Es sei aber trotzdem schön, wenn 
es passiert. „Erst letzte Woche hat sich je-
mand per Handschlag bei mir bedankt“, 
erzählt sie.
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