45Arbeit&Wirtschaft 8/2016
AK:
Genug Spielraum für Lohnplus
Konjunkturelle Erholung hält weiter an. Dem muss bei den KV-Verhandlungen Rechnung getragen werden.
AK:
Fortschritt statt Rückschritt
Schon jetzt wird in Österreich sehr flexibel gearbeitet. Unvergütete Mehr- und Überstunden tragen dazu bei.
Die im Frühjahr 2015 eingesetzte konjunktu-
relle Erholung der österreichischen Wirt-
schaft hält weiter an: In den vergangenen 
Monaten hat sich das reale Bruttoinlands-
produkt (BIP) um jeweils 0,3 bis 0,4 Pro-
zent im Vergleich zum jeweiligen Vorquar-
tal erhöht. „Dieser Zyklus wird seit Anfang 
des laufenden Jahres auch von den Kon-
sumausgaben der privaten Haushalte ge-
stützt. Dieser Stütze muss durch eine faire 
Lohnerhöhung bei den diesjährigen Kol-
lektivvertragsverhandlungen Rechnung 
getragen werden“, fordert AK-Wirtschafts-
experte Markus Marterbauer.
Österreichs Industrie befindet sich in 
einem konjunkturellen Aufwärtstrend: 
Im ersten Halbjahr 2016 lag der Produk-
tionsindex um 1,8 Prozent über dem 
Wert des Vorjahres. Damit hat sich die 
heimische Industrie tendenziell besser 
entwickelt als diejenige in Deutschland. 
„Zudem zeigen die Frühindikatoren, dass 
der positive Trend anhält“, sagt Marter-
bauer. Zwar könnte die Verunsicherung 
durch die Brexit-Entscheidung im Herbst 
dämpfend wirken, die beginnende Erho-
lung in den Schwellenländern sollte aber 
auch für die österreichische Industriepro-
duktion neue Impulse bringen.
Zudem hat sich eine Reihe von ge-
samtwirtschaftlichen Rahmenbedingun-
gen deutlich verändert. Der Export stellt 
die langfristig am stärksten wachsende 
Nachfragekategorie in Österreich dar: 
Der Exportanteil am BIP hat sich von 33 
Prozent im Jahr 1995 auf aktuell 55 Pro-
zent erhöht. Positiv ist zudem, dass der 
günstige Wechselkurs des Euro gegen-
über dem US-Dollar anhält. Der Euro-
Dollar-Kurs liegt um etwa zehn Prozent 
unter dem Wert von Mitte 2014. Der 
Rückgang der Energiepreise entlastet die 
Unternehmen seit 2014 erheblich. Die 
Zinskosten für Unternehmenskredite 
sind in den vergangenen zwei Jahren 
deutlich zurückgegangen. Und der au-
ßenwirtschaftliche Überschuss Österreichs 
wird heuer bereits etwa zehn Milliarden 
Euro (2,7 Prozent des BIP) ausmachen, 
Tendenz steigend.
„Kollektivvertragliche Lohn- und Ge-
haltserhöhungen sind also der gesamt-
wirtschaftlichen Lage durchaus angemes-
sen. Sie ermöglichen eine Ausweitung der 
für die Konjunktur so wichtigen Kon-
sumnachfrage und lassen den Unterneh-
men noch immer den Spielraum für In-
vestitionen“, folgert Marterbauer.
 Infos unter: 
 tinyurl.com/zs5jduc
Wirtschaftskammer und Industrie wünschen 
sich eine neue Flexibilisierung der Arbeits-
zeiten. „Solche Forderungen können keine 
Einbahnstraße sein“, sagt Rudi Kaske. Eine 
weitere Flexibilisierung darf nicht zu Lasten 
der ArbeitnehmerInnen gehen, hält der Prä-
sident der Bundesarbeitskammer fest. 
Schon jetzt sind von den rund 250 Millio-
nen Überstunden, die pro Jahr geleistet 
 werden, rund 50 Millionen nicht bezahlt 
– viele davon deshalb, weil sie nicht aufge-
zeichnet werden. „Diese unvergüteten 
Überstunden entsprechen 30.000 Voll zeit-
arbeitsplätzen. Wer über Flexibilisierung re- 
den will, der soll zunächst einmal über or-
dentliche Zeiterfassung reden“, sagt Kaske.
„Die Gewerkschaften haben in den 
Kollektivverträgen ausgezeichnete Bran-
chenlösungen verhandelt“, meint Kaske. 
Daher werde schon jetzt in Österreich sehr 
flexibel gearbeitet. Einen nicht unbe-
trächtlichen Teil tragen dazu auch die vie-
len unvergüteten Mehr- und Überstunden 
bei, die schon jetzt geleistet werden und 
die ausschließlich den ArbeitgeberInnen 
zugutekommen. „Wahre Flexibilisierung 
ist allerdings etwas anderes als die in be-
stimmten Fällen bereits mögliche Zwölf-
Stunden-Höchstarbeitszeit pro Tag und 
die 60-Stunden-Wochenarbeitszeit“, sagt 
AK-Präsident Kaske. Zu vermuten ist, 
dass es der ArbeitgeberInnenseite bei jeder 
weiteren Flexibilisierung nur darum geht, 
sich die Mehr- und Überstundenzuschläge 
zu ersparen. „Wir wollen Fortschritt, kei-
nen Rückschritt. Die Vereinbarkeit von 
Beruf und Familie sowie die Gesundheit 
der Beschäftigten sind wichtige Parameter, 
wenn man über die Flexibilisierung der 
Arbeitszeiten spricht“, sagt Kaske. „Nur 
wer genügend Regenerationsphasen im 
Arbeitsleben hat, kann langfristig gesund 
bleiben und damit auch gute Arbeit ver-
richten.“
Lange Arbeitszeiten ohne Regenerati-
onsphasen führen zu mehr Muskel- und 
Skeletterkrankungen, mehr psychischen 
Erkrankungen, mehr Arbeitsunfällen und 
damit auch zu mehr Ausfällen durch 
Krankenstände und Invaliditätspensio-
nen. „Der bessere Weg wäre, die Arbeits-
zeit nicht zu erhöhen, sondern intelligent 
zu verteilen“, sagt Kaske. Denn die Studie 
„Arbeitszeiten in Österreich: Zwischen 
Wünschen und Realität“ zeigt, dass Voll-
zeitarbeitskräfte im Schnitt um eine Stun-
de und 48 Minuten pro Woche kürzer ar-
beiten wollen, Teilzeitarbeitskräfte aber 
um zwei Stunden und 42 Minuten länger 
pro Woche. „Im Saldo überwiegt also der 
Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten“, 
sagt Kaske. 610.000 Menschen wollen 
ihre Arbeitszeit verringern, rund halb so 
viele sie erhöhen.
 Infos unter: 
 tinyurl.com/zlrdr3e
Aus AK und Gewerkschaften
        

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