Full text: Gemeinsam stärker (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201610 Interview
tet. Die erste war work@flex, die direkt 
auf atypisch Beschäftigte, Leiharbeitneh-
me rInnen und freie Dienstverträge abge-
stellt hat. Die zweite war work@educa-
tion, die Beschäftigte im Bildungswesen 
als Zielgruppe hatte. Man hat versucht, 
Personen relativ niederschwellig über ver-
schiedene Kommunikationskanäle anzu-
sprechen und zur Mitgliedschaft zu bewe-
gen, auch über das Internet oder andere 
Beteiligungsmöglichkeiten. Da war die 
GPA sicherlich eine der fortschrittlichsten 
Gewerkschaften. 
Die anderen Gewerkschaften haben 
eher etwas später nachgezogen. Auch klei-
nere Gewerkschaften, wie die Gewerk-
schaft Bau-Holz, haben vor einigen Jahren 
begonnen, sich stärker um neue Mitglie-
dergruppen zu bemühen. Aber es ist na-
türlich aus verschiedenen Gründen nicht 
so einfach und vor allem sehr ressourcen-
intensiv, das umzusetzen. 
Sie haben unterschiedliche Strategien zur 
Mitgliedergewinnung untersucht. Welche 
anderen Varianten gab es? 
Man hat Partizipationsangebote an beson-
ders engagierte Mitglieder gemacht. Zum 
Beispiel hat man versucht, Personen, die 
über die Interessengemeinschaften als 
FunktionärInnen tätig geworden sind, in 
die Entscheidungsstrukturen des ehrenamt-
lichen Apparats der Gewerkschaften zu in-
tegrieren. 
Das war natürlich nicht immer so ein-
fach und friktionslos, weil bisher die Stra-
tegie war, nur Personen in die ehrenamtli-
che Struktur zu integrieren, die vormals 
BetriebsrätInnen oder PersonalrätInnen 
waren, sich also im Betrieb verdient ge-
macht haben. Den Vorsitzenden der Inte-
ressengemeinschaften hat man das aber 
relativ bald angeboten. 
Dann gab es Kampagnen, relativ be-
kannt geworden ist die Schlecker-Kampa-
gne, wo man direkt an die Filial-Mitarbei-
terInnen mit Informationsmaterialien he-
rangetreten ist, um darüber aufzuklären, 
was die Vorteile einer betriebsrätlichen 
Vertretung und einer Gewerkschaftsmit-
gliedschaft sind. 
Diesen Zugang hat man Mitte der 
2000er-Jahre entwickelt und sich das qua-
si aus der US-amerikanischen und briti-
schen Gewerkschaftslandschaft abge-
schaut. Das wird oft unter dem Begriff des 
Organizing zusammengefasst, wobei das 
ein sehr komplexer Begriff ist, der viel um-
fasst. Das Campaigning würde ich gar 
nicht so darunter fassen, weil Organizing 
an und für sich als Bottom-up-Prozess ge-
dacht ist – und in Österreich geht es eher 
Top-down. 
Eine sehr starke Tradition der Gewerk-
schaft in Österreich ist dieses Repräsenta-
tionsverständnis: Wir sind diejenigen, die 
die ArbeitnehmerInnen vertreten, daher 
sind auch wir diejenigen, die die Kampa-
gnen vorschlagen, an denen sich die ande-
ren beteiligen sollen. 
Das basiert auf der Vorstellung, dass 
man die Beschäftigten bis zu einem gewis-
sen Grad kontrollieren muss – was ja auch 
notwendig ist, etwa um die Friedens-
pflicht, die man bei Kollektivvertragsver-
handlungen hat, aufrechtzuerhalten. 
Das ist ja der Deal der Sozialpartner-
schaft bzw. jener mit den Arbeitgebern: 
Ihr setzt euch mit uns an den Verhand-
lungstisch, und wir sorgen dafür, dass es 
keine Streiks gibt. Das wird auch von bei-
den Seiten als Vorteil betrachtet, weil die 
Wirtschaftsseite sonst wenig Interesse dar-
an hätte, sich jährlich zu Kollektivver-
tragsverhandlungen zusammenzusetzen. 
Noch einmal zurück zum Organizing: Da 
geht es also darum, Voraussetzungen zu 
schaffen, damit sich die ArbeitnehmerIn-
nen organisieren können? 
Das wäre die Grundidee. In den USA ist es 
ja aus einem Ressourcenmangel heraus ent-
standen, weil es gar nicht so viele Personen 
gab, die in der Gewerkschaft gearbeitet ha-
ben und die für die ArbeitnehmerInnen 
eintreten hätten können. Deshalb sind sie 
es umgekehrt angegangen. Es ging darum, 
ArbeitnehmerInnen in die Lage zu verset-
zen bzw. sie darin zu unterstützen, sich 
selbst zu organisieren. 
Natürlich wird dieses System ange-
passt, wenn man es auf Österreich über-
trägt. Und das macht ja durchaus Sinn, 
weil sozialpartnerschaftliche Strukturen 
hierzulande zum Teil noch intakt sind. In-
sofern wurden hier Hybride eingesetzt, 
also Kombinationen aus sozialpartner-
schaftlichen und partizipationsorientier-
ten Elementen.
In Österreich hält man am System 
der Kollektivverträge fest. Haben die 
 Vertretungen der ArbeitnehmerInnen 
also doch noch ein großes Gewicht?
Das hat unter anderem einen ganz spezifi-
schen Grund, der international auch immer 
wieder bewundert wird: Wir haben in der 
Wirtschaftskammer die Pflichtmitglied-
schaft. Dadurch gilt in den Bereichen, wo 
die Wirtschaftskammer auf der Arbeitge-
berseite verhandelt – und das ist in den 
meisten Bereichen so –, automatisch der 
Branchenkollektivvertrag für alle Mitglie-
der, sprich alle Unternehmen. Das heißt, 
selbst wenn Unternehmen sich nicht an den 
Verhandlungstisch setzen, müssen sie mit 
dem Ergebnis leben. Das ist also durchaus 
ein Anreiz – und es ist eine wichtige insti-
tutionelle Machtressource, die Gewerk-
schaften in Österreich haben. 
Genau hier hat die schwarz-blaue Re-
gierung versucht, Druck zu machen. Sie 
hat damit argumentiert, dass die Legitimi-
tät der Pflichtmitgliedschaft fehlt, nicht 
nur in der Wirtschaftskammer, sondern 
vor allem in der Arbeiterkammer. Die ein-
fache Erklärung war: Wozu brauchen wir 
zwei Strukturen? Es gibt ja die Gewerk-
schaften als freiwillige Mitgliederorganisa-
tionen. Das Problem ist nur, dass die we-
nigsten wissen, was damit verbunden 
wäre, wenn man die Wirtschaftskammer 
tatsächlich in dieser Pflichtmitglied-
schaftsstruktur abschafft. Dann würde 
man mittelfristig nämlich das Kollektiv-
vertragssystem massiv schwächen. Weil die 
Wirtschaftsseite dann wenig Anreiz hat, 
sich mit den ArbeitnehmerInnen zu Kol-
lektivvertragsverhandlungen zu treffen. 
Das wurde dann als so gravierende 
Folge angesehen, dass man im Jahr 2007 
die Pflichtmitgliedschaft in den Verfas-
sungsrang gehoben hat. Ob das jetzt viel 
bringt, ist eine andere Frage, aber es ist na-
türlich ein Symbol: Das ist uns wichtig, 
das ist ein Teil der österreichischen Kultur. 
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Sonja Fercher  
für Arbeit&Wirtschaft.
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