Full text: Gemeinsam stärker (1)

11Arbeit&Wirtschaft 1/2016 Historie
nochmals den Versuch, sich gewerk-
schaftlich zu organisieren. Und dieser 
Versuch gelang. Trotz Warnung von 
Seiten der Generaldirektion musste die-
se zusehen, wie die Tabakarbeiterver-
eine immer größer wurden. 
Auch die Schwechater Arbeiter konnten noch 
in der Monarchie gewonnen werden, dank 
überzeugter GewerkschafterInnen, die trotz 
Verfolgung und Strafdrohung nicht aufgaben. 
Von einem solchen Mann berichtete Franz 
Schefzik, der es vom Bäckerlehrling zum 
 Krankenkassendirektor in Baden bei Wien 
brachte.
Im September erhielten wir einen neu-
en Helfer (Ofenarbeiter) namens Anton 
Ruhittel, welcher im Jahre 1884 unter 
dem Ausnahmezustand nach Mähren ab-
geschoben und gegen Revers in Nieder-
österreich, aber nicht in Wien arbeiten 
durfte, jedoch unter der Bedingung, 
dass er in keiner Organisation eine 
Funktion annehmen dürfe. Letzteres 
hat er begreiflich gehalten, aber orga-
nisiert hatte er doch. Noch im selben 
Jahr entstand die 1891 aufgelöste Orts-
gruppe der Bäckereiarbeiter Wiens und 
Niederösterreichs unter Ruhittels geis-
tiger Leitung. Vater Ruhittel hielt wäh-
rend der Tafelarbeit seine Vorträge. 
Spannend und instruktiv wirkten die-
se auf uns alle. Ich sah zu ihm auf wie 
ein Gläubiger zu seinem Gott.
Am 26. September 1896 war General-
versammlung der Ortsgruppe Mödling 
Mitgliederwerbung für die Gewerkschafts-
bewegung erforderte von Anfang an viel 
 Stehvermögen und vor allem in der Grün-
dungsphase zu Kaisers Zeiten immer wieder 
den Mut zu einem Neustart. Der Widerstand 
der Unternehmensführungen, der ja auch 
noch im 21. Jahrhundert nicht ganz unbe-
kannt ist, hatte noch keinerlei gesetzliche 
Schranken … und der Angst um den Job war 
oft nur schwer beizukommen. Manchmal ging 
das bis zum Auflösen eines lokalen Gewerk-
schaftsvereins wie bei den Fassbindern der 
Schwechater Brauerei.
Mit der Niederwerfung des Streiks war 
auch die Organisation für Jahrzehnte 
aus dem Königreich Dreher mit Stumpf 
und Stiel ausgerottet. Es wurde nach 
Aufnahme der Arbeit eine kleine Lohn-
erhöhung erreicht, aber es wurde jedem 
einzelnen bei Androhung der sofortigen 
Entlassung auf das strengste verboten, 
dem Verein anzugehören. … Die Kol-
legen ließen sich bedauerlicherweise 
einschüchtern und mit dem war die 
 Organisation für Schwechat besiegelt.
Besonders schwierig war die Situation in 
den Tabakfabriken, denen als Staatsunter-
nehmen zusätzliche Machtmittel zur Verfü-
gung standen. Aber nach vielen Rückschlägen 
gelang es doch, dort erste Mitglieder zu 
 werben und mit ihnen Organisationskerne 
aufzubauen.
Gestützt auf die Bewegung und mit dem 
Gefühl, nicht mehr ganz allein zu ste-
hen, unternahmen die Tabakarbeiter 
Er organisierte doch
Mitgliederwerbung brauchte in undemokratischen Zeiten viel Standfestigkeit.  
Weil mutige Männer und Frauen nicht aufgaben, wuchs die Gewerkschaft.
… und ich bat, obwohl noch Lehrling, 
daran teilnehmen zu dürfen, worauf 
er, erstaunt über meine Bitte, einwil-
ligte, aber gleichzeitig auch seiner 
 Freude darüber Ausdruck gab … Vor 
der Wahl der Funktionäre ersuchte ich 
um das Wort und bat um Aufnahme in 
den Verband. Beifällig erfolgten diese 
sowie auch meine Wahl zum Bibliothe-
kar der fünfundachtzig vorhandenen 
Bücher, zu deren eifrigsten Leser ich 
gehörte.
Ausgewählt und kommentiert 
von Brigitte Pellar 
brigitte.pellar@aon.at
© Archiv Pellar
Ohne Demokratie musste Mitgliederwerbung für 
die Gewerkschaft oft im Geheimen, in unbeobach-
teten Momenten während der Arbeit erfolgen,  
im demokratischen Österreich kann eine Werbe-
kampagne von Großplakaten und Werbemitteln 
wie solchen Aufklebern der Kampagne um 2005 
 begleitet werden.
        

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