Full text: Gemeinsam stärker (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201638 Schwerpunkt
K
onzerne, die ihre Gewinne in Steu-
eroasen verschieben und die Ar-
beitsplätze in Dumpinglohn-Staa-
ten. Unternehmen, die die Toch-
terfirmen in das kollektivvertragsarme 
EU-Ausland verlagern und Heere von 
Lobbyisten bezahlen, damit sie bei den 
EU-Institutionen für genehme Gesetze 
intervenieren. „Die großen Unternehmen 
sind längst international ausgerichtet. Ver-
netzt zu sein ist da für die Gewerkschafts-
bewegung wichtig, damit Arbeitneh-
merInnen innerhalb der Konzerne nicht 
gegeneinander ausgespielt werden kön-
nen“, sagt Marcus Strohmeier, Internati-
onaler Sekretär des ÖGB. Ein Beispiel: 
„Ein Dachschindelerzeuger mit Sitz in 
Tirol hat eine Tochterfirma in Bulgarien. 
Dort wurden die Beschäftigten gezwun-
gen, jede Woche zehn Überstunden zu 
leisten – aber unbezahlt. Der Sekretär der 
zuständigen bulgarischen Gewerkschaft 
hat sich an mich gewandt, ich habe den 
Betriebsrat der Mutterfirma in Tirol an-
gerufen, der ist zum Chef gegangen, und 
siehe da: Das bulgarische Management 
musste das abstellen.“ Davon profitieren 
nicht nur die Menschen in Bulgarien, die 
jetzt mehr Geld bekommen: „Lohndum-
ping in anderen Ländern zu bekämpfen 
ist immer auch zum Schutz der Arbeit-
nehmerInnen in Österreich. Wer will, dass 
wir im internationalen Wettbewerb be-
stehen, muss danach trachten, dass die 
Löhne auch in anderen Ländern steigen“.
Auch ÖsterreicherInnen, die im Aus-
land arbeiten, profitieren von der inter-
nationalen Ausrichtung der Gewerk-
schaftsbewegung – Beispiel Rechts-
schutzabkommen mit Ungarn. „ÖGB-
Mitglieder, die in Ungarn arbeiten, 
können sich dort jederzeit an die Ge-
werkschaften wenden. Und auch in Län-
dern ohne Abkommen werden Mitglie-
der nicht abgewiesen, wenn sie Hilfe 
brauchen“, erläutert Strohmeier.  
Ostmitteleuropa als Schwerpunkt
Ein Schwerpunkt der internationalen Ar-
beit des ÖGB liegt auf der Nachbar-
schaftspolitik, auf den Reformstaaten in 
Ostmitteleuropa. Strohmeier: „In Serbien 
ist Sozialpartnerschaft inexistent und in 
Ungarn hat sie Ministerpräsident Orbán 
abgeschafft.“ Nach der Arbeitsmarktöff-
nung für die Menschen aus den ostmit-
teleuropäischen Nachbarländern im Mai 
2011 hat der ÖGB in den Grenzregionen 
Rechtsberatung auf Tschechisch, Slowa-
kisch und Ungarisch angeboten. Agnies-
zka Bros, früher Rechtsberaterin und heu-
te im internationalen Referat des ÖGB: 
„Tausende Fälle konnten wir positiv erle-
digen und Lohndumping verhindern. 
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am glei-
chen Ort nimmt natürlich auch viel 
Druck von den einheimischen Arbeitneh-
merInnen.“
Mit allen Ländern der Welt laufend 
direkten Kontakt zu halten ist kaum 
möglich. Deshalb gibt es den 2006 in 
Wien gegründeten Internationalen Ge-
werkschaftsbund (IGB/ITUC). „Er ist 
unser Auge und Ohr in der Welt. Brau-
chen wir einen Kontakt zum Beispiel in 
Japan – wer sollte den für uns herstellen, 
wenn nicht der IGB?“, fragt Strohmeier. 
Ihm gehören mehr als 300 Gewerkschaf-
ten an. Zu seinen wichtigsten Arbeitsbe-
reichen gehören: Gewerkschafts- und 
Menschenrechte; Wirtschaft, Gesell-
schaft und Arbeitsplatz; Gleichstellung 
und Nichtdiskriminierung und interna-
tionale Solidarität. Auch in der Interna-
tionalen Arbeitsorganisation (ILO) ist 
der ÖGB vertreten. Dort sind Arbeit-
nehmerInnen, Arbeitgeber und Regie-
rungen gleichberechtigt. Sie beschließen 
Kernarbeitsnormen, die dann von den 
Staaten ratifiziert werden und rechtsgül-
tig sind. „Die ILO ist Sozialpartnerschaft 
auf Weltebene“, sagt Strohmeier, „und 
für viele Länder sind die Kernarbeitsnor-
men der einzige Schutz ihrer Rechte, 
etwa des Streikrechts.“
Starke Stimme in der EU
Das europäische Pendant zum IGB ist der 
Europäische Gewerkschaftsbund (EGB/
ETUC), in dem vor allem die EU-Staaten 
organisiert sind. Er wurde 1973 gegrün-
det, und der ÖGB war von Anfang an 
dabei. „Gerade in Zeiten der Krise, von 
der die Menschen in den einzelnen Län-
dern ganz unterschiedlich getroffen sind, 
etwa in Spanien im Vergleich zu Schwe-
den, ist eine vereinte, starke Organisation 
wichtig“, sagt Oliver Röpke, Leiter des 
ÖGB-Europabüros in Brüssel. „Auch in 
den schlimmsten Krisenzeiten, als es ei-
nen Riss zwischen den einzelnen Ländern 
gab, hat sich dieser Riss nicht auf die Ge-
werkschaften übertragen. Wir haben im-
mer mit einer starken Stimme gespro-
chen. Unsere Stärken sind Solidarität und 
Geschlossenheit.“
Erst im vergangenen Herbst hat der 
EGB-Kongress in Paris eine neue Führung 
Verlinken, zusammenbringen, helfen
In Zeiten internationaler Konzerne muss auch die Gewerkschaftsbewegung 
international aufgestellt sein. Der ÖGB ist nicht nur in der EU stark vernetzt.
Florian Kräftner
ÖGB Kommunikation
EIN 
GUT
ER G
RUN
D
        

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