Full text: Gemeinsam stärker (1)

D
ie Frage nach Sinn und Zweck von 
Gewerkschaften ist schnell beant-
wortet:  Gewerkschaften braucht 
jeder, der nicht das Glück hatte, 
mit dem sprichwörtlichen goldenen Löf-
fel im Munde geboren worden zu sein. 
Beitrag zum Wohlstand
Es waren die Gewerkschaften, die den 
Wirtschaftseliten in einem jahrzehntelan-
gen und mühsamen Kampf  jenen sozia-
len Fortschritt abgerungen haben, der zur 
Zivilisierung des Kapitalismus und zur 
Humanisierung der Arbeit geführt hat. 
Aber weder der 8-Stunden-Tag noch 
ArbeitnehmerInnenschutz, Kollektivver-
träge oder Urlaub sind in Stein gemei-
ßelt. Sie müssen – besonders in Krisen-
zeiten – immer wieder aufs Neue vertei-
digt werden. Neoliberale Kräfte streben 
nach einer Marktwirtschaft ohne jeden 
staatlichen Einfluss und ohne Mindest-
standards.  Nur der solidarische Zusam-
menschluss von ArbeitnehmerInnen er-
mächtigt die Gewerkschaften  dazu, auf 
Augenhöhe mit der Wirtschaft faire 
Löhne und Gehälter zu verhandeln.
Wem gehört die Welt?
Der wirtschaftliche Druck auf die Men-
schen wächst – genauso wie die Ungleich-
heit. Laut OECD bezieht das einkom-
mensstärkste Zehntel der Haushalte etwa 
ein Viertel aller Haushaltseinkommen. 
Die internationale Organisation Oxfam 
hat diesen Befund weiter zugespitzt und 
erhoben, dass die reichsten 62 Menschen 
der Welt zusammen genauso viel Vermö-
gen besitzen wie die 3,5 Milliarden ärms-
ten Menschen. 
Umso zynischer mutet es an, wenn 
etwa der Präsident der Industriellenver-
einigung, Georg Kapsch, in einem 
„Kurier“-Interview behauptet: „Ich glau-
be schon, dass es etwas mehr Leistungs-
druck braucht. Dieser Druck verteilt 
sich auf immer weniger Menschen. Das 
sind dann auch die, die hohe Steuern 
zahlen.“ Das ist Unfug – in Wahrheit ist 
es so, dass Klein- und MittelverdienerIn-
nen den Löwenanteil der Steuerlast tra-
gen. Gewerkschaften stehen auf der Seite 
jener Menschen, die hart arbeiten müs-
sen, um ihr Leben bestreiten zu können, 
während Konzerne häufig in Steueroasen 
anzutreffen sind.
Wo ist da die Leistung?
Jüngstes – und tragisches – Beispiel ist die 
Zielpunkt-Pleite: Es ist sicher nicht die 
Familie Pfeiffer (mit einem geschätzten 
Vermögen von 770 Millionen Euro), um 
die man sich Sorgen machen müsste. 
Die Leistung des Managements, eine 
Handelskette in den Bankrott zu manöv-
rieren, ist hier kritisch zu hinterfragen. 
Die Zeche dafür bezahlen aber Beschäf-
tigte, die tagtäglich ihre volle Leistung 
erbracht haben. 
Und es waren die MitarbeiterInnen 
der Gewerkschaften und des Insolvenz-
büros von ÖGB und AK, die in den 
 Wochen nach der Insolvenz rund um die 
Uhr im Einsatz waren, um den Betroffe-
nen zu ihrem Recht und zu ihrem Geld 
zu verhelfen. 
Ein Bollwerk gegen Ungerechtigkeit
Gewerkschaften sind im Gegensatz zu den 
Lobbyisten finanzkräftiger Konzerne nur 
den Interessen der ArbeitnehmerInnen 
verpflichtet. 
So unterschiedlich deren Anliegen 
auch sind – sie alle haben etwas gemein-
sam: Sie fordern einen gerechten Anteil 
an dem Wohlstand, den sie jeden Tag 
erarbeiten, faire Arbeitsbedingungen 
und soziale Sicherheit. 
Die Gewerkschaftsbewegung ver-
steht sich deshalb auch weiterhin als 
Bollwerk gegen Ausbeutung und Unge-
rechtigkeit – national und international.
Wer Forderungen wie „mehr Flexibi-
lität“ stellt, in Wirklichkeit aber weniger 
Geld für mehr Arbeit meint, wird auf die 
Ablehnung der Gewerkschaften stoßen. 
Wer nach Reformen schreit, um damit 
den Abbau des Sozialstaates zu forcieren, 
beschreitet einen gefährlichen Weg. 
Denn Sozialstaat und Demokratie 
sind eng verbunden. Wer den Sozialstaat 
und die Interessenvertretungen der ar-
beitenden Menschen demontieren will, 
der sägt am Ast der Demokratie.
Wer keinen goldenen Löffel hat ...
Nicht zuletzt
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rm Erich Foglar
Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes
        

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